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Gestalt der Erde.
von der Erde nach dem Himmel zu richten, die Himmelswelt inseine irdische Gedankenkette mit einzuschließen. Daher ist Sonnen-verehrung der älteste Cultus vor aller höhern Offenbarung, imNaturgefühl aller Urvölker begründet.
Am Himmelsräum zeigt sich die Erde gleich den andernWeltkörpern nur als ein Lichtpunkt im ungezählten Sternen-heere „als ein Stern unter Sternen", wie Herder sagt. Andersist es, wenn wir von diesem kosmischen oder universellenStandpunkte abstrahiren und zum individuellen zurückkehren,dann fließt der Lichtpunkt, näher betrachtet, zu einer ganzenWelt von Erscheinungen auseiuander.
Dem Menschen ist ihre Gesammtheit ein Unüberschauliches'— ein Unübersehbares von Tiefe. Höhe, Weite in vielfach wechseln-den Gestalten. Erst durch die Wissenschaft, die das Werk desMenschengeschlechtes durch Jahrtausende ist, wird sie übersehbarAber nach dem Standpunkte, den die Völker der Erde in denverschiedenen Jahrtausenden einnehmen, entwickelte sich in derEinbildungskraft von der Erde stets ein verschiedenartiges Bild.Dem Bewohner der Ebene erscheint sie als eine unbegrenzteErdfläche, wie so manchem Volke des Alterthums, und noch heutedem umherstreifenden Araber. Der Südsee-Insulaner imweiten Ocean hält seine Insel oder Inselgruppe für die ganzeErde; er kennt diese nur als eine^unendliche Meeresfläche,aus welcher die Sonne auf- und, nach vollendetem Tageslauf,wieder untertaucht. Noch heute hält der unwissende neapo-litanische Lazzarone seinen Golf für die Mitte der Welt.
Dem Gebildeter» der beobachtenden und forschenden Menschenwird die Erde, so bald er ihre verschiedenen Erhöhungen in wei-tern Abständen besteigt, ihre Formen und Räume überschauenund vergleichen lernt, zumal aber, wenn er auch ihre Meere durch-schiffen kann, aus einer engen Heimath zu einem immer mehr sicherweiternden Erdkreise lOrbis tEi-raium der Römer). Einzelne