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Geld und Gold : ökonomische Theorie des Geldes / von Robert Liefmann
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dem wir das Wort verwenden, um einen kurzen Ausdruck zuhaben: jeder einzelne Preis ist das Ergebnis aller in den Tausch-verkehr verflochtenen Wirtschaftstätigkeiten. Ihn trotzdem ganzallgemein auf die individuellen wirtschaftlichen Erwägungen, alsoletzten Endes auf die Bedarfsempfindungen der einzelnen Men-schen zurückzuführen, das ist das Hauptproblem der Wirtschafts-theorie.

Die Thermometerskala nach Celsius oder Reaumur ist dasErgebnis allgemeiner Übereinkunft, also gerade des gleichgerichtetensozialen Zusammenwirkens, das die Soziologen auch im Tausch-verkehr finden wollen. An sich könnte jeder sich einen eigenenVergleichsmaßstab für seine Wärmeempfindungen schaffen. Aberder Anterschied des Thermometers vom Gelde in sozialer Hin-sicht liegt, wie leicht einzusehen ist, darin, daß beim Geldeauch sein Funktionieren, die Preisbildung selbst ein öko-nomischer und sozialer, d. h. eben durch wirtschaftliches Handelnvieler Personen sich vollziehender Vorgang ist. Die Wärme,die man in einer nach Äbereinkunft geschaffenen Skala aus-drückt, ist eine Naturerscheinung, die ganz unabhängig vomZusammenleben der Menschen ist; die Preise aber schaffen dieMenschen selber, und zwar dadurch, daß jeder bei seinen wirt-schaftlichen Erwägungen und Handlungen das Geld benutzt. Abersie schaffen sie nicht bewußt, nicht als Ziel eines gemeinsamenZweckstrebens, wie die Soziologen behaupten, sondern die Preiseentstehen von selbst auf Grund einer historischen Entwicklung,die ursprünglich wohl unter Mitwirkung des Staates zum Geldeführte.*)

Die Preise sind aber nicht das Ziel eines gleichgerich-teten sozialen Zusammenwirkens, in dem wir den Inhalt derGesellschaftslehre im Gegensatz zur Wirtschaftslehre erblicken, siesind auch insofern eine Art Naturtatsache, als sie sich bilden,ohne daß sich der einzelne Mensch seines auch nur minimalenEinflusses darauf bewußt ist. Die Preisbildung ist vielmehr die

*) Wie wir in dem Aufsatz:Über Wesen und Aufgabe derWirtschaftswissenschaft " in denJahrbüchern für Rat, u, Etat/', 1916,Februarheft, ausführten, steht daher die Wirtschaftswissenschaft der Sp ra ch -Wissenschaft am nächsten, deren Objekt ebenfalls eine solche durch dieBeziehungen vieler Menschen, aber nicht durch gemeinsames Zweckstrebengeschaffene Erscheinung ist.

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