66
DIE ÄHNLICHKEIT DES KAISERS MIT IHM
General von Hahnke erzählte manches von dem Hofe des Herzogs,der es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm, was ihm die großeGutmütigkeit seiner Gemahlin, einer Prinzessin von Baden, erleichterte.Die etwas lockeren Sitten am damaligen Koburger Hofe und insbesonderedas Temperament des Herzogs sollen Gustav Freytag bei seinem Roman„Die verlorene Handschrift" vorgeschwebt haben. Der Hauptmann vonHahnke behauptete auch in diesem Milieu seine aufrechte und unabhängigeHaltung. Nachdem er manches gesehen und erlebt hatte, was ihm nichtzusagte, ließ er seine Frau, eine Schwester des späteren KommandierendenGenerals des 8. und 14. Armeekorps, des Generaladjutanten Adolf Bülow ,und des langjährigen Reisebegleiters Kaiser Wilhelms I. und nachmaligenGesandten beim Vatikan , Otto Bülow, nicht mehr zu Hofe gehen. DerHerzog stellt ihn darüber zur Rede. Als er, die Gründe für die spröde Hal-tung seines Adjutanten ahnend, mit Schärfe daran erinnerte, daß die FrauHerzogin an den Festen des Herzogs gern teilnähme und keinen Anstoßan den Eingeladenen nähme, erwiderte Herr von Hahnke kurz: „Was sichfür die Frau Herzogin paßt, paßt sich noch lange nicht für meine Frau."General von Hahnke hat mir oft gesagt, wie sehr ihn Wilhelm II. an seinenOnkel Ernst von Koburg erinnere. Natürlich nicht in puncto Moral, denndas Familienleben des Kaisers war vorbildlich, seine Ehe rein, seine Häus-lichkeit, was das Verhältnis der beiden Ehegatten zueinander wie zu denKindern betraf, konnte jedem deutschen Hause zum Vorbild dienen. Aberwenn General von Hahnke den Gang des Kaisers sah, der, wenn der hoheHerr sich ungezwungen gab, etwas trippelnd war, die hochgezogene Schul-ter, und vor allem wenn er den Kaiser erzählen und namentlich fabulierenhörte, fühlte sich der General lebhaft an Ernst II. erinnert. Der Herzoghatte sich während der Erhebung der Elbherzogtümer gegen Dänemark demschleswig-holsteinischen Heere angeschlossen und befand sich gerade inEckernförde , als das dänische Linienschiff „Christian VIII." die Stadt be-schoß. Die Art und Weise, wie er diesen Tag beschrieb, hatte verschiedeneVariationen oder, richtiger gesagt, Steigerungen durchgemacht. Zuerst warer nur Zuschauer gewesen, dann hatte er von einem Feldherrnhügeldie Abwehr dirigiert und schließlich selbst den Schuß abgefeuert, derdas dänische Schiff traf. Uber seine Beteiligung an der Schlacht vonLangensalza pflegte er auch mancherlei Phantastisches zu erzählen, undwährend des Deutsch -Französischen Krieges erregte er unliebsames Auf-sehen durch die kritischen Bemerkungen, die er aus dem sicheren „Hoteldes Reservoirs" in Versailles, wo die deutschen Fürsten während der Be-lagerung von Paris sich aufzuhalten pflegten, über die militärischen Aktio-nen abgab, wobei es namentlich nicht an Seitenhieben gegenüber den beimHerzog von Koburg nicht gut angeschriebenen Sachsen des Königsreichs