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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ADMIRAL VON SENDEN

Tochter entbunden, die später den Herzog von Augustenburg heiratete, denGroßvater der Prinzeß Henriette und Urgroßvater der Kaiserin AugusteViktoria. Nach Lage der Dinge war es im höchsten Grade unwahrschein-lich, daß jene nach dem Trauerspiel Struensee geborene Prinzessin LuiseAuguste von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg die Tochterdes Königs Christian VII. von Dänemark sein sollte. Als nun, erzählte mirder Kaiser, die Prinzessin Henriette gelegentlich von einer anderen Prin-zessin wegen ihrer angeblichen Abstammung von Struensee gehänseltwurde, erwiderte sie:Ich will lieber von einem gescheuten Arzt abstam-men als von einem vertrottelten König." Kaiser Wilhelm II. fand dieseAntwort ausgezeichnet. Er war wirklich kein Philister, wie ich gegenüberAugust Bebel einmal im Reichstag sagte.

Der Chef des Marinekabinetts, Admiral Freiherr von Senden-Bibran,Admiral war der Sohn eines schlesischen Barons, der im österreichischen Dienst ge-Senden- standen hatte. Er selbst war in jungen Jahren in die deutsche Marine ein-Bibran g etreten? an ft eT er m j t Leidenschaft, man kann sagen mit Fanatismus hing.Außerhalb der Marine existierte nichts auf der Welt für den alten Jung-gesellen, der weder Weib noch Kind und nur wenige Freunde hatte. SolcheHingebung an die Sache war an sich schön und konnte auch nützlichwirken, wenn sie nicht zu völliger Einseitigkeit geführt hätte. Zu dem vielen,das, verglichen mit der Flotte, für Herrn von Senden nicht auf der Weltwar, gehörten leider auch politische Rücksichtnahme und Vernunft. DieLiebe des Admirals von Senden für die Flotte ging so weit, daß er in ihremInteresse auch den Admiral von Tirpitz hielt und stützte, den er persönlichhaßte, aber für den einzigen Mann hielt, dessen organisatorische Be-fähigung und Energie einen raschen und zweckentsprechenden Ausbau derFlotte sicherten.

Zur Zeit des Admirals Hollmann, der von 1890 bis 1897 Staatssekretärdes Reichsmarineamts gewesen war, der zu den sogenanntenFreunden"des Kaisers gehörte und, wie die meisten dieser Herren, SeinerMajestät gegenüber sehr nachgiebig war, hatte sich trotz aller Gegen-vorstellungen des Admirals von Senden Wilhelm II. mehr als gut inBau und Konstruktion der Kriegsschiffe eingemischt. Der Kaiser zeich-nete mit Vorliebe Pläne für Häuser, für Schlösser, für Kirchen undnamentlich für Schiffe. Die zeichnerische Begabung und die Lust am Zeich-nen hatte Wilhelm II. wie vieles von seiner Mutter geerbt. Wie auf manchenanderen Gebieten war auch hier bei ihm die Kraft schwach, allein die Lust'war groß. Während Admiral Hollmann Staatssekretär des Reichsmarine-amts war, kam es häufig vor, daß der Kaiser die Konstruktionsabteilungdirekt zu beeinflussen suchte. Er war bestrebt, hinsichtlich der Schiffsbautenüberall und bei jedem Anlaß persönlich einzugreifen. In den neunziger