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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SEINE FEINDE

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Konzeptionen fähig, der allergrößten, und dabei drang sein Blick in jedeEinzelheit. Er verband kühne Phantasie mit nüchterner Berechnung.

Tirpitz hatte, wie gesagt, viele Feinde. Es war natürlich, daß in einerspäteren Zeit Herr von Bethmann Hollweg ihn haßte, denn die Unzuläng-lichkeit liebt nie die Überlegenheit, und der Mittelmäßige sieht in demHervorragenden gern seinen persönlichen Feind. Es war auch begreiflich,daß Admiral Müller, den sich Wilhelm II. leider gerade für die Kriegszeitals Chef des Marinekabinetts ausgesucht hatte, ein Gegner des Admiralsvon Tirpitz war, denn Müller gehörte zu jenen von Bismarck gebrand-markten Beamten, die, gleichgültig für die Folgen ihrer Handlungen, ruhigschlafen, wenn sie sich nur durch eine auf diesem oder jenem Wege er-schlichene allerhöchste Willensäußerung gedeckt wissen. Man konnte auchverstehen, daß der Schwager des Admirals von Müller, der Admiral vonHoltzendorff, ein hohler Schwadroneur und Renommist, dabei leider Fa-vorit des Kaisers, den sachlichen und ernsten Tirpitz nicht goutierte. Aberauch unter Gutgesinnten hatte der Admiral Tirpitz manche Gegner. Manmißtraute ihm. Er galt für intrigant, für unzuverlässig. Er galt für unwahr-haftig. Richtig war, daß Tirpitz, das Ziel vor Augen, nach dem er mit allenKräften drang, unter Umständen auch Um- und Schleichwege nicht ver-schmähte, um seine Absichten durchzusetzen. Das Ziel: die Flotte, warihm alles, und mit dem Psalmisten konnte er von sich sagen (Psalm 69, 17):Ich eifre mich schier zu Tode um dein Haus." Der Eifer um und für dieFlotte verzehrte ihn.

Tirpitz galt unter Kameraden und Kollegen für unverträglich. Das waran und für sich noch nicht so sehr zu tadeln, bedenklicher war seineNeigung, andere, ebenfalls wichtige und beachtenswerte Interessen seinenZielen zu opfern. Fürst Bismarck klagte oft über den in Deutschland undunter deutschen Beamten herrschenden Schwadronspatriotismus, d. h.jene Mentalität, die den Rittmeister der dritten Schwadron gleichgültigmacht für den Futtermangel bei der zweiten Schwadron, wenn nur dieGäule seiner eigenen Schwadron blitzblank aussehen. Es lag eine gewisseGefahr vor, daß Tirpitz, indem er alles auf die Flotte konzentrierte, sichverleiten lassen könnte, die Marine auf Kosten der Armee zu fördern. DieArmee aber war und blieb der Atlas, auf dessen Schultern wie zur Zeitdes großen Königs Preußen und Deutschland ruhten. Und wenn LeonGambetta einst von der französischen Armee gesagt hatte, sie wäre derStolz Frankreichs und das Fundament nicht nur seiner Größe, sondernseiner Existenz,notre dernier salut et notre supreme espoir", so galt dasmindestens ebensosehr für Deutschland . Tirpitz hatte einen Fehler: Erwar kein eigentlich politischer Kopf, es mangelte ihm wie den meistenLand- und Seesoldaten der Sinn für Nuancen. Er war geneigt anzunehmen,