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und Feinheit des Geistes den meisten Monarchen seiner Zeit überlegen,aber er war während seiner mehrjährigen Dienstzeit im österreichischenHeere ein mäßiger Husarenoffizier gewesen. Während Kaiser Franz Josef bis in sein hohes Alter kerzengerade zu Pferde saß und jeden Graben nahm,betrachtete Fürst Ferdinand das Pferd als seinen persönlichen Feind. Dasgefiel dem alten Kavalleristen Franz Josef nicht. Noch mehr, noch vielmehr mißfiel ihm, daß Fürst Ferdinand seinen ältesten Sohn, den Kron-prinzen Boris, zwei Jahre nach der katholischen Taufe durch eine neue, vomMetropoliten von Rustschuk vorgenommene orthodoxe Taufe in den Schoßder „rechtgläubigen" bulgarischen Landeskirche hatte aufnehmen lassen.Kaiser Franz Josef war ein treuer Sohn der katholischen Kirche , aber wederintolerant noch bigott. „Für drei neue Kavallerie-Regimenter", äußerteeinmal ein langjähriger Generaladjutant Graf Paar , „gibt der Kaiser alleBischöfe." Die Staatsräson ging ihm über alles. Man konnte von ihm sagen,daß er die verkörperte österreichische Staatsräson war, wenn auch nichtgeistig bedeutend genug, um immer dementsprechend zu handeln. Er warweit entfernt von der glühenden Glaubensinbrunst seines Neffen, des Erz-herzogs Franz Ferdinand, der einmal nach dem Vortrag eines Jesuiten-paters über den Segen der Ferdinandeischen Gegenreformation diesem mitleuchtenden Augen und bewegter Stimme erklärte, sein Vortrag sei für ihn,den Erzherzog, einer der tiefsten und schönsten Eindrücke seines Lebensgewesen. Kaiser Franz Josef war noch weiter entfernt von der Einfältigkeitseines Neffen Karl , der, als er zum Unheil der habsburgischen Monarchieund ihres deutschen Bundesgenossen den Thron bestieg, einen süddeutschenKapuziner bat, ihm für die Leitung des kompliziertesten und schwierigstenMechanismus der Welt, nämlich für die Führung der inneren und äußerenPolitik der österreichisch-ungarischen Monarchie, ein Regierungsprogrammzu entwerfen. Und dieser biedere Konventuale war ein weniger bedenklicherGewissensrat als Angehörige anderer Orden, mit deren Hilfe Kaiser Karl und Kaiserin Zita , seine intrigante Gemahlin, später den Verrat am deut-schen Bundesgenossen einfädeln sollten, der sich für und durch die habs-burgische Monarchie in den fürchterlichsten aller Kriege hatte verwickelnlassen.
Was Kaiser Franz Josef dem Fürsten Ferdinand bei der Umtaufe seinesSohnes übernahm, war das, was der Kaiser Charakterlosigkeit nannte.Er erzählte mir mit Wohlgefallen maliziöse Anekdoten über den Bulgaren-fürsten, die er von seinem Minister des Äußeren, Graf Goluchowski, hatte,der die Umtaufe des bulgarischen Kronprinzen fast noch strenger beur-teilte als sein Souverän. Mit Serbien war der alte Kaiser zufriedener. Dortbekämpften sich seit fast einem Jahrhundert die Häuser Obrenowitsch undKarageorgewitsch mit den Praktiken, die im Hause der Atriden üblich