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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS HAUS OBRENOWITSCH

waren und unter Verwandten in der Familie Borgia. Noch zutreffender istvielleicht der Vergleich mit den Mitteln, zu denen in einem korsischen Dorfedie Angehörigen zweier Familien greifen, zwischen denen die Vendettaentbrannt ist. König Milan aus dem Hause Obrenowitsch hatte durch seinenLeichtsinn Österreich viel zu schaffen gemacht, sich aber immer zu Öster-reich gehalten, von dem er reichliche Subsidien bezog. Nach einem langenehelichen Zwist mit seiner Gemahlin Natalie Ketschko hatte Milan das ihmallmählich langweilig gewordene Belgrad verlassen, um sich mit gelegent-lichen Ausflügen nach Paris in dem Capua an der Donau , in dem schönenund leichtlebigen Wien , seines Lebens zu freuen. Sein Sohn Alexanderwandelte politisch in den Fußtapfen seines Vaters, und man war damals inWien mit ihm zufrieden. Die serbische Circe, Frau Draga Maschin, war demjungen Herrscher noch nicht erschienen. Mit wahrer Sympathie sprach derKaiser von dem König Carol von Rumänien, der ihm durch sein ausge-glichenes Wesen, durch seine ruhige Besonnenheit und seine vortrefflichenUmgangsformen stets sympathisch gewesen war.Zwischen uns und Ru-mänien geht alles gut", meinte der Kaiser Franz Josef . Ich wußte nur zuwohl, daß zwischen beiden Ländern nicht alles gut ging. Ich hatte zu langein Bukarest gewirkt, um nicht zu wissen, wie große Gefahren für die habs-burgische Monarchie die exzessive ungarische Nationalitätenpohtik insich barg.

Einer der gescheitesten Ungarn , Benjamin von K allay, von 1879 bis 1882Magyarische Sektionschef im Ministerium des Äußeren, seitdem ReichsfinanzministerNationah- un( j m fr <j er Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina betraut, Ver-tätenpolitik f ag6er emer guten Geschichte der Serben, hatte einmal in den neunzigerJahren in einer ergreifenden Rede sein Volk vor der Überspannung derNationalitätenpohtik gewarnt. Er erinnerte an die Fata Morgana, die sichbisweilen auf der ungarischen Puszta zeigt. Der Ungar nennt sieDehbab".Sie verlockt den unvorsichtigen Reisenden, der ihr traut, in Sümpfe, indenen er versinkt. Ich hatte in Bukarest nur zu sehr beobachtet, daß dieMischung von Größenwahn und psychologischer Kurzsichtigkeit, vonfanatischer Unduldsamkeit und advokatischer Rabulistik, welche diemagyarische Nationalitätenpolitik charakterisierte, die Rumänen undSerben maßlos erbitterte. Aber die Verachtung des Magyaren für die klei-neren Völker innerhalb des Bereiches der Stefanskrone war zu tief einge-wurzelt, als daß Vernunftgründe gegen sie etwas ausgerichtet hätten. DerRumäne war dem Magyaren derbüdos allah", der stinkende Wallach;den Serben und Kroaten galt sein Sprichwort:Der Slawe ist kein Mensch."Umsonst hatte Franz Deäk seiner Nation Besonnenheit und Maß gepredigt,umsonst Graf Gyula Andrässy ihr zugerufen, das ungarische Schiff sei vomGlück so voll beladen worden, daß jede Unze Ladung mehr, sei es nun