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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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MIRBACHS KLINGELBEUTEL

anderen WedelsStallwedel" genannt, zeichnete sich wie Scholl durch un-gewöhnliche körperliche Größe aus und glich diesem auch durch unbe-dingte Treue und Zuverlässigkeit. Im Hinblick darauf, daß in Jerusalem dieEinweihung der neu erbauten evangelischen Erlöserkirche stattfindensollte, nahm auch Oberhofprediger Dr. Dryander an der Kaiserreise teil.Im Gefolge der Kaiserin befanden sich außer ihren Damen der Oberhof-ron meister Freiherr von Mirbach und der Kabinettsrat Bodo von dem Knese-rbach beck. Herr von Mirbach entstammte einer alten rheinländischen Familie,die von der Eifel nach den baltischen Provinzen und von dort nach Ost-preußen gekommen war. Diesem ostpreußischen Zweige gehörte außer demOberhofmeister auch der bekannte Parlamentarier und Volkswirt GrafJulius von Mirbach-Sorquitten an. Andere Zweige der Familie waren nachÖsterreich und Bayern verschlagen worden. Endlich gab es noch eine amRhein ansässige katholische Linie Mirbach-Harff , welcher der LegationsratGraf Wilhelm von Mirbach-Harff entsprossen war, unter unseren jüngerenDiplomaten vielleicht der pflichttreuste und dabei befähigteste, der leiderim Sommer 1918 als deutscher Vertreter bei der Moskauer Regierung vonrussischen Revolutionären schändlich ermordet wurde. Der OberhofmeisterMirbach war ein kreuzbraver Mann, aber man hätte auf ihn das bekannteWort von Bismarck über Adolph Stöcker anwenden können, von dem dergroße Kanzler meinte, er habe als Politiker den Fehler, daß er Geistlichersei, und als Geistlicher, daß er Politik treibe. Der kirchliche Eifer des Oberhof-meisters ging für einen hohen Hof beamten zu weit, und der KirchenerbauerMirbach hatte wieder darunter zu leiden, daß er am Hofe der Kaiserin dieerste Stelle einnahm. Dies um so mehr, als Mirbach nicht den nötigen Taktbesaß, um solche Gegensätze auszugleichen. Es fehlte ihm durchaus dasgenie de la juxtaposition", das Anatole France an den Italienern rühmt.

Mirbach sah die Kirchennot in Berlin , und um ihr abzuhelfen, war ihm j edesMittel recht. Mit dem Eifer eines Missionars ließ er bei allen ihm bekanntenreichen oder auch nur wohlhabenden Personen den Klingelbeutel umgehen.Er versandte gedruckte Formulare, in denen nur der Name des Adressatenauszufüllen war und in denen es hieß, daß der Bau einer Kirche indiesem oder jenem Berliner Stadtviertel dringend notwendig wäre, daß aufdie freundliche Beihilfe des Adressaten gerechnet würde, daß Ihre Majestätdie Kaiserin sich lebhaft für den Bau gerade dieser Kirche interessiere unddaß das Verzeichnis der gütigen Spender mit Angabe der von ihnen ge-spendeten Summe zur Kenntnis Ihrer Majestät gebracht werden würde.Alles das gedruckt! Wie jeder echte Apostel scheute der Oberhofmeister,um seinen frommen Zweck zu erreichen, auch nicht vor der Berührung mitihm sonst nicht kongenialen Personen zurück. Er hatte den Vorsitzendender sozialdemokratischen Fraktion, Paul Singer, einen Israeliten, aufgesucht