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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER GEHEIMAGENT

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Orden, den ich nicht in Anerkennung dieser meiner Bemühungen, noch dazumit Brillanten, erhalten hätte. Aber ich habe unsere Freundschaft mit derTürkei nur als Mittel zum Zweck betrachtet, und zwar mehr für wirtschaft-liche als für politische Zwecke. Ich habe mir auch keine Illusionen über dieGrenzen türkischer Leistungsfähigkeit gemacht. Sowohl Marschall als seinNachfolger Wangenheim, die beide in ihrem Botschafterposten am GoldenenHorn das Sprungbrett sahen, um auf einen leitenden Berliner Posten zu ge-langen, haben durch Schönfärberei in ihrer Berichterstattung viel gesündigt.

Beim Rückblick auf unsere Palästinareise steigt ein Zwischenfall vormir auf, der, wenn er im Augenblick eher komisch wirkte, doch auch zunachdenklichen Betrachtungen Anlaß bieten konnte. Als Gerüchte voneinem gegen den Kaiser geplanten Attentat nach Berlin gelangten, beschloßunsere Polizei, besondere Maßnahmen zum Schutz Seiner Majestät zuergreifen. Der Minister des Inneren schrieb an den Chef des Zivilkabinetts,daß für diese delikate Mission ein besonders gewiegter und geschickterGeheimpolizist ausersehen wäre. Wir befanden uns auf dem Marsch vonHaifa nach Jerusalem gerade beim Mittagsmahl, unter freiem Himmel,als sich dem Kaiser ein Herr in Zivil näherte, dem auf zehn Schritt derpreußische Offizier anzusehen war an Haltung, Manieren und Anzug.Damit gar kein Zweifel obwalten könne, trug er möglichst auffällig dasEiserne Kreuz von 1870. Bei Seiner Majestät angelangt, meldete er miteiner Stimme, um die ihn Stentor hätte beneiden können, der starke Mann,von dessen eherner Stimme Homer rühmt, daß sie laut tönte wie diefünfzig anderer Männer:Von N., früher Leutnant im x. Regiment, jetztbeim Königlichen Polizeipräsidium in Berlin beschäftigt und von demHerrn Polizeipräsidenten als Geheimagent Eurer Majestät beigegeben zurSekreten Bewachung Eurer Majestät Allerhöchster Person, meldet sichalleruntertänigst zur Stelle." Der Kaiser, sehr belustigt, schüttelte diesemGeheimagenten die Hand und riet ihm, baldmöglichst nach Berlin zurück-zukehren. Der Schutz des Kaiserpaares blieb den beiden tapferen Syriernüberlassen, die es jedenfalls mit allen Berliner Polizeiagenten aufnehmenkonnten. Diese Episode erinnerte mich an eine gelegentliche, in meinerGegenwart gefallene Äußerung des Fürsten Bismarck, der darüber klagte,daß er niemals einen wirklich geschickten Berliner Polizeipräsidenten zuseiner Verfügung gehabt hätte. Es fehlen uns nun einmal diejenigen Eigen-schaften, die seit Fouche den Ruhm so vieler Pariser Polizeipräfekten aus-gemacht haben, die mit angeborener Schlauheit und durch das Lebenerworbener Menschenkenntnis Rücksichtslosigkeit und nötigenfalls brutaleEnergie verbanden. Der einzige Berliner Polizeipräsident, der etwas vondieser Art besaß, Hinkeldey, wurde unter Friedrich Wilhelm IV. im Duellvon einem konservativen Edelmann erschossen.

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