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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ZAUBERER

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Verlockende hätte. Im Falle, daß ich zurücktreten sollte, würde ich demKaiser als meinen Nachfolger den Fürsten Herbert Bismarck empfehlen,schon um dadurch den Schatten des großen Vaters zu versöhnen. Holstein,der seit 1890 die Familie Bismarck fürchtete wie der Teufel das Weihwasser,faßte alsbald die Lage verständiger auf. Es gelang mir auch, sowohl Eng-land als Amerika für die Bildung einer Kommission zu gewinnen, welche dieAufgabe erhielt, die letzten unliebsamen Vorfälle zu untersuchen, die Ruhewiederherzustellen und für die Neuordnung der Verwaltung wie des Ver-hältnisses unter den drei Mächten Vorschläge auszuarbeiten. So wurde einefür uns befriedigende Lösung vorbereitet, durch die wir schließlich nachlängeren Verhandlungen die beiden Hauptinseln Upolo und Savaii indeutschen Besitz brachten.

Aus der Reichstagsdebatte, die bei ziemlicher Aufregung nicht nur desHauses, sondern weiter deutscher Kreise am 14. April 1899 stattfand,steht mir heute noch ein kleiner, aber immerhin bezeichnender Vorfall inErinnerung. Während der Interpellant seine Anfrage entwickelte, sagte mirsotto voce der neben mir sitzende Tirpitz: eigentlich hätte es keinenZweck, daß ich spräche. Es wäre ja klar, daß das Vorgehen der Engländerund Amerikaner auf den festen Willen hindeute, uns mit Krieg zu über-ziehen, um uns zugrunde zu richten, bevor unsere Flotte aus den Eier-schalen heraus sei. Andernfalls müsse man ja annehmen, daß sowohl JohnBull wie Jonathan verrückt geworden wären. Diese Auffassung war be-zeichnend für die militärische Betrachtungsweise, die dazu neigt, die Rela-tivität der Dinge und der Menschen außer Rechnung zu stellen, die sichdeshalb leicht in Extremen bewegt und so politisch zu falschen Schluß-folgerungen gelangt. Für die Betrachtung und Behandlung politischerFragen ist die militärische Mentalität nicht elastisch genug.Wendenkönnen" war eine Eigenschaft, die Fürst Bismarck in erster Linie von seinenDiplomaten verlangte. Ich erwiderte meinem Freunde Tirpitz, daß weder dieEngländer noch die Amerikaner übergeschnappt wären. Sie hätten auchnicht die Absicht, einen Krieg mit uns vom Zaun zu brechen. Es handelesich um ein direktionsloses Vorgehen aufgeregter Konsuln und Marine-offiziere. Alle würden sich beruhigen, wenn wir nur nicht selbst die Nervenverlören. Die mehr in Deutschland als in England und Amerika entstandeneund nicht ungefährliche Erregung flaute in der Tat nach einiger Zeit wiederab. Samoa sollte noch fünfzehn Jahre unser koloniales Diadem als einerseiner schönsten Brillanten zieren. Als uns der Besitz von Samoa gesichertwar, richtete Wilhelm II. an mich das nachstehende Telegramm:Bravo !Bin hocherfreut und beglückt. Sie sind der reine Zauberer, den Mir ganzunverdienterweise der Himmel in seiner Güte bescherte." Im Auftrag desDeutschen Kolonialrats telegraphierte mir dessen Präsident, der Fürst zu