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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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SEHEN SIE, WIE WEIT SIE KOMMEN!"

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Landwirtschaft für unbedingt erforderlich hielte und daraus eine Vorbe-dingung für die Übernahme der Leitung unserer inneren Politik machenmüsse. Die Landwirtschaft habe nicht nur mit großen Schwierigkeiten zukämpfen, sondern der landwirtschafttreibende Teil der Bevölkerung geheauch beständig zurück, während die im Dienste der Industrie stehendenArbeitermassen sich ebenso ständig vergrößerten. Die Städte schwöllenimmer mehr zu riesigen Wasserköpfen an, das flache Land entvölkere sich.Darin läge eine große Gefahr: nicht nur vom Standpunkt unserer militäri-schen Stärke, denn das platte Land liefere alles in allem bessere Soldatenals die Städte, sondern für unsere ganze soziale Struktur. Es gebe inDeutschland weit mehr große Städte als in Frankreich und Italien , dasMißverhältnis zwischen dem ackerbautreibenden und dem in Fabrikentätigen Teil der Bevölkerung sei bei uns viel größer als jenseits der Vogesen .Außer Paris, das Kopf und Herz des Landes wäre, zähle Frankreich nur11 Städte mit über 100000 Einwohnern, wir aber deren 30. Der Kaiser warfein, daß die Entwicklung in England noch mehr im Sinne der Industriab-sierung ginge als bei uns. Ich mußte ihm sagen, daß England in der poli-tischen Schulung seiner Bevölkerung, in der Einsicht und Klugheit seinerAristokratie, in der nationalen Gesinnung seiner Massen weit größereSicherungen in sozialer und staatlicher Hinsicht biete als Deutschland .Der Kaiser war sichtlich erstaunt über meinen Widerspruch, frug aberschließlich, ob ich nicht einsähe, daß, wenn wir nicht zu Handelsverträgenkämen, dies für uns einganz fürchterlicher Schlag" sein würde. Ich be-ruhigte ihn mit der Versicherung, daß, wie ich bestimmt hoffe, ich auch beistärkerem Schutz der Landwirtschaft gute Handelsverträge mit Rußland ,Österreich, Italien, Rumänien, der Schweiz zustande bringen würde. Wirmüßten den Weg zwischen den beiden Leuchttürmen finden: wirksamerSchutz für die Landwirtschaft auf der einen, Handelsverträge, mit denensich unsere Industrie gedeihlich entwickeln könne, auf der anderen Seite.Also ähnlich wie in der auswärtigen Politik, wo wir auch zwischen Eng-land und Rußland unseren Weg finden sollen", meinte schließlich derKaiser,nun, sehen Sie, wie weit Sie kommen." Ich bat den Kaiser, mirzu erlauben, meinen Amtsvorgänger, den Fürsten Hohenlohe, aufzusuchen,und wurde von ihm an der Elisabethquelle mit einem Händedruck und derscherzhaften, aber freundlichen Wendung entlassen:Mein verehrter HerrKanzler, auf Wiedersehen beim Frühstück."

Fürst Hohenlohe empfing mich mit der Ruhe, die ihn nie verließ, abermit warmer und von Herzen kommender Güte.Sie werden sich erinnern", Unterredungsagte er mir,daß ich Ihnen schon vor zwanzig Jahren in Paris voraus- mit Hohenlohe gesagt habe, Sie würden einmal Reichskanzler werden. Mein FreundVölderndorff hat es Ihnen damals auch prophezeit, auf dem Pont de la