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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DEN STIER BEI DEN HÖRNERN GEFASST

Concorde, wie er mir oft erzählte." Der Fürst setzte mir auseinander, wie erwohl wisse, daß ich es gern gesehen hätte, und das nicht nur für mich,sondern auch für das Reich, wenn er noch einige Zeit geblieben wäre. SeinGesundheitszustand mache das aber wirklich zur Unmöglichkeit. Er habeauf der Reise nach Homburg infolge seines rasch fortschreitenden Herz-leidens zwei schwere Beklemmungsanfälle gehabt. Er las mir dann einenBrief seiner seit langem von mir sehr verehrten Schwiegermutter, der FürstinLeonille Wittgenstein, vor, die erst achtzehn Jahre später, im Alter von102 Jahren, sterben sollte. Die Fürstin schrieb ihrem Schwiegersohn, sieriete ihm dringend, jetzt zurückzutreten. Er sähe auf eine lange und schönepolitische Laufbahn zurück. Er möge zurücktreten, solange der Kaiserund die Nation seinen Rücktritt bedauerten, nicht aber warten, bis man ihnzum Abgange dränge.Das ist auch meine Absicht", fügte Fürst Hohenlohehinzu.Sie aber begleiten meine herzlichen und aufrichtigen Wünsche undHoffnungen."

Als ich mich in mein Zimmer zurückzog, um mich zum Mittagsmahl um-Ernennung zuziehen, zu dem mich der Kaiser eingeladen hatte, klopfte es an meine Tür.zum g s war (jgj. gute alte Lucanus.Nun", sagte er mir,Sie haben den StierReichskanzler bd den Hörnem ge f a ß t . D a ß Sie dem Kaiser am ersten Tage Ihrer Kanzler-schaft widersprochen haben, und das in einer hei kl igen Frage, hat ihmimponiert. Nun aber ziehen Sie auch wieder nette Saiten auf, und vor allemsehen Sie, daß wir Handelsverträge bekommen."

Als ich in das Homburger Schloß durch das alte, von Efeu umrankteTor eintrat, über dem der Landgraf mit dem silbernen Bein, der Sieger vonFehrbellin und Held des bekannten Dramas von Heinrich von Kleist, derschönsten Verherrlichung preußischen Waffenruhms und preußischenGeistes, aus dem Schloß herausreitet, wurde ich zuerst von der Kaiserinempfangen. Sie drückte mir bewegt und gütig die Hand. Sie habe Ver-trauen zu mir, weil sie wisse, daß ich es gut mit dem Kaiser meine. Siewürde mir helfen, so viel sie könne. Sehr weit reiche freilich ihr Einfluß aufden Kaiser nicht, fügte sie mit wehmütigem Lächeln hinzu. Es freue sie,daß ich gerade zur Einsegnung des Prinzen Adalbert, ihres dritten Sohnes,eingetroffen wäre. Sie blieb immer die gute Mutter. Nach dem Mittagsmahlvollzog der Kaiser mit allerlei gutmütigen und harmlosen Scherzen die ihmvon Lucanus unterbreiteten Unterschriften, durch die dem Fürsten Hohen-lohe die nachgesuchte Entlassung unter Verleihung des hohen Ordens vomSchwarzen Adler mit Brillanten erteilt und ich zum Reichskanzler undPräsidenten des Preußischen Staatsministeriums ernannt wurde.

Im Laufe des Nachmittags suchte ich die einzige Tochter des GeneralsFriedrich Wilhelm Bülow, des Siegers von Dennewitz, auf, die, damals fastneunzigjährig, ihren Lebensabend in Homburg verbrachte. Sie war die