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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DONNA LAURA MINGHETTI

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Witwe des feinsinnigen Novellisten Eduard Bülow , des ersten Biographenvon Heinrich von Kleist , Apologeten des unglücklichen Dietrich Bülowund Entdeckers desarmen Mannes in Tockenburg". Der geniale MusikerHans von Bülow war ihr Stiefsohn. Sie hatte ihren Vater nicht mehr mitBewußtsein gekannt, er starb, als sie nur drei Jahre alt war. Aber sie war inseinem Geist erzogen worden und erfüllt von seinem Geist. Sie faßte ihrUrteil über ihn in die Worte zusammen:Er ruhte in sich selbst, und darumverlor er nicht das innere Gleichgewicht, weder im Glück noch im Unglück."Der reicksfreiherrliche Zweig der Familie Bülow, dem er entsprossen war,habe seit langem die Devise geführt:In utraque fortuna ipsius fortunaememor", was ich sogleich übersetzte:Bleibe bei gutem wie bei schlechtemWetter der Unbeständigkeit des Wetters eingedenk." Die alte Dame fanddie Übersetzung zutreffend und gab der Überzeugung Ausdruck, daß dieEhre unserer Familie und vor allem die preußische wie die deutsche Ehrewährend meiner Amtsführung keinen Schaden nehmen würden. Die Unter-redung mit der würdigen Greisin erquickte mich. Es schien mir, als ob dieVergangenheit mir die Hand reiche, denn die Generationen sollen sich imDienste des Vaterlandes ablösen und eine der anderen mit vaterländischerGesinnung die Eigenschaften übermitteln, die das Vaterland groß machen.Quasi cursores vitae lampades tradunt.

Ich telegraphierte nun auch an meine Frau, daß ich zum Beichskanzlerernannt worden wäre: ich bäte Gott , mir die Kraft zu geben, mein Amt zumWohle des Volks und des Kaisers zu führen. Meine Frau überbrachte, nichtunbedingt erfreut, denn sie fürchtete für mich die Aufregungen und Kämpfeder neuen Stellung, aber doch sehr bewegt und gerührt, die Nachricht meinerSchwiegermutter, die zum Besuch bei uns weilte. Diese fiel vor ihrem Bettauf die Knie und bat die Mutter Gottes um Schutz und Erleuchtung fürmich, den sie wie einen Sohn liebte. Donna Laura Minghetti war in einemneapolitanischen Kloster erzogen worden. Sie sprach von den Nonnen alsvon lieben und gütigen Wesen, denen sie herzliche Dankbarkeit bewahrte.Aber was sie sonst in dem Neapel des Königs Bomba von Geistlichen undMönchen gesehen hatte, war nicht gerade erbaulich. Während ihr auf dereinen Seite der krasseste Aberglaube entgegentrat, sah sie auf der anderenSeite, daß viele der leitenden Männer des italienischen Bisorgimento inreligiösen Fragen skeptisch dachten. Nun flößte ihr aber der Gedanke, daßmit dem Tode alles vorbei sein sollte, Grauen und Abscheu ein. So glich sie,wie sie sich selbst ausdrückte, einem Wanderer, der von dem einen Ufer desStroms abgestoßen ist, das andere aber nicht erreichen kann. Nach demTode ihres ersten Gatten, des Fürsten Domenico Camporeale, der,noch jung,nach langer und schmerzlicher Krankheit in Paris starb, hatte sie bei demDominikanermönch Lacordaire , dem großen französischen Kanzelredner,

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