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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WARNUNGEN

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selbst angreifen könne. Die Möglichkeit eines solchen Angriffs sei aus zweiGründen gegeben: einmal weil die imperialistischen Ideen in England ,die dort seit Jahren mehr und mehr an Boden gewonnen hätten, nach dervoraussichtlich siegreichen Beendigung des südafrikanischen Krieges völligzur Herrschaft gelangen könnten, dann, weil infolge der scharfen wirtschaft-lichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, die wiederum die Folge unseresenormen industriellen Aufschwungs, unseres wachsenden Handels, unsererzunehmenden überseeischen Interessen sei, in den breiten Massen desenglischen Volks sich mehr und mehr eine starke Antipathie gegenDeutschland als den Hauptkonkurrenten Englands rege. Bei imserer heu-tigen Schwäche zur See erscheine ein Krieg mit Deutschland der Mehrheitdes englischen Volks als eine verhältnismäßig leichte Aufgabe, zu der Eng-land nur seine Flotte brauche und die dem englischen Volk bei dem Fehlender allgemeinen Wehrpflicht keine besonderen Opfer auferlegen würde.Seit einem Jahr, führte ich weiter vertraulich aus, wären unsere Bezie-hungen zu England ohne irgendwelche Veranlassung oder gar Schuld vonunserer Seite zweimal in ein akutes und kritisches Stadium getreten. SolcheZwischenfälle, wie sie sich im Frühjahr 1899 in Samoa und im Januar 1900,anläßlich der Beschlagnahme unserer Postdampfer, ereignet hätten, ließensich nicht immer diplomatisch beilegen. In beiden Fällen wäre England auch anderweitig engagiert gewesen, was eine friedliche Beilegung erleichterthabe. Und selbst auf dieser Basis sei die Beilegung des Konflikts gegenüberder Stimmung in England nur möglich gewesen durch ziemlich scharfediplomatische Druckmittel, die sich ohne irgendwie genügende Macht nichtoft wiederholen ließen. Wenn wir solche Warnungen nicht beherzigten, sokönnten wir uns ein drittes Mal in einer Lage sehen, wo wir nur die Wahlzwischen einer schweren Demütigung und einem unglücklichen Krieg habenwürden. Gerade weil wir uns in Frieden neben England entwickeln wollten,nur im friedlichen industriellen und gewerblichen Wettstreit, müßten wirEngland gegenüber wenigstens zur Defensive fähig sein.

Im Laufe der Debatte vom 27. März 1900 hatte ich gegenüber demZentrumsabgeordneten Gröber, der mich um eine authentische Inter- Deutschepretation des WortesWeltpolitik" gebeten hatte, ausdrücklich betont, Weltpolitikdaß ich unter Weltpolitik lediglich die Pflege und Entwicklung der uns durchdie Ausdehnung unserer Industrie, unseres Handels und unserer Schiffahrterwachsenen Aufgaben verstehe. Das Anschwellen der deutschen über-seeischen Interessen könnten wir nicht hemmen. Unseren Handel, unsereIndustrie, die Arbeitskraft, Regsamkeit und Intelligenz unseres Volkskönnten wir nicht kappen. Wir dächten nicht daran, aggressive Expansions-politik zu treiben. Wir wollten nur die schwerwiegenden Interessen schützen,die wir durch die natürliche Entwicklung der Dinge in allen Weltteilen