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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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KLEINE VERHÄLTNISSE"

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werden, wenn kein Mensch mehr etwas von Monts wissen wird, von demHolstein zu sagen pflegte, er habe nicht nur, wie manche andere, an einem,sondern an drei Posten: Budapest, München und Rom, Fiasko gemacht.So Holstein, obwohl ihm, solange er der einflußreichste Mann im Aus-wärtigen Amt war, Monts beinahe ebenso begeistert gehuldigt hatte wie mir.

Von München begab ich mich nach Stuttgart . In der guten Zeit vor derNovemberrevolution vertrat der preußische Gesandte in Weimar Preußen Besuchauch bei den Höfen von Meiningen und Koburg-Gotha. Als er einmal dem "» Stuttgart Großherzog Karl Alexander meldete, daß er Weimar auf einige Tage ver-lassen werde, um sein Beglaubigungsschreiben in Meiningen zu überreichen,erwiderte ihm der Großherzog mit der ihm eigenen Mischung von Würdeund Freundlichkeit:Da werden Sie kleine Verhältnisse kennenlernen."So sprachen die bayrischen Würdenträger nicht zu mir, als ich mich vonihnen verabschiedete, um nach Stuttgart zu fahren. Aber zweifellos hattejeder bayrische Minister und höhere Beamte das Gefühl, daß, verglichen mitden übrigen süddeutschen Staaten, Bayern eine Großmacht wäre. Diese Auf-fassung war im Hinblick auf die bayrische und deutsche Geschichte nichtganz unberechtigt. Ich habe es immer für meine Pflicht gehalten, derbesonderen Stellung von Bayern im Reich politisch Rechnung zu tragen.Ich habe selten oder nie im Bundesrat einen Antrag forciert, der auf denWiderspruch, den bewußten und entschiedenen Widerspruch von Bayern stieß. Ich habe es mir immer angelegen sein lassen, mir das Vertrauen desbayrischen Königshauses, des Prinzregenten Luitpold, des Prinzen Ludwig,des Prinzen Rupprecht zu erhalten. Von diesen drei Fürsten war der letzt-genannte zweifellos der begabteste. Ein ganz offener, vorurteilsloser undscharfsinniger Kopf, dabei ein ausgezeichneter, auch im Weltkrieg hoch-bewährter General. Das letztere Lob gebührt auch dem Prinzen Leopoldvon Bayern , dem zweiten Sohn des Prinzregenten Luitpold. Ich bin wäh-rend meiner Amtszeit mehrmals mit ihm auf Manövern zusammengetroffen,und ich habe mich an seinem echt militärischen Wesen, seinem offenen,freimütigen Urteil, seiner ganzen männlichen Persördichkeit erfreut. DieVorzugsstellung, die ich Bayern stets innerlich eingeräumt habe, ver-hinderte nicht, daß ich den anderen deutschen Bundesstaaten gegenüberjede denkbare Rücksicht walten ließ und bei voller Wahrung der Reichs-einheit und Hochhaltung des Einheitsgedankens ihre berechtigten Eigen-tümhchkeiten schonte, ihren besonderen Wünschen, wenn irgend möglich,entgegenkam.

Eins nach außen, schwertgewaltig,Um ein hoch Panier geschart!Innen reich und vielgestaltig,Jeder Stamm nach seiner Art!

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