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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER KÖNIG VON WÜRTTEMBERG

Diese schönen Verse von Geibel sind mir hinsichtlich der Behandlungder Bundesstaaten als der Weisheit letzter Schluß erschienen. Irgendwelchepolitische Superiorität von Bayern anzuerkennen, lag übrigens niemandemferner als den Schwaben. Mein Amtsvorgänger Fürst Chlodwig Hohenlohehat mir oft erzählt, daß er als bayrischer Ministerpräsident zwischen 1867und 1870, im Einverständnis mit dem damaligen norddeutschen Bundes-kanzler Bismarck , ein engeres Verhältnis der süddeutschen Staaten unterder Leitung von Bayern angestrebt habe. Für die Idee einer Konföde-ration fand er in Stuttgart freudiges Verständnis. Der Gedanke an eineLeitung des Bundes durch Bayern oder auch nur an ein bayrisches Präsi-dium wurde aber mit Entrüstung abgelehnt, gelegentlich unter Hinweisdarauf, daß Württemberg dem deutschen Volke einige seiner größtenGeister: Schiller und Hegel, Hölderlin, Uhland und Mörike , Schelling undFriedrich List, geschenkt habe, während Bayern auf dem Parnaß unsererDichter und Denker so gut wie gar nicht vertreten wäre. Umgekehrt wurdein Karlsruhe dem bayrischen Ministerpräsidenten Hohenlohe erwidert, daßdas ,,Musterländle", das immer die Vorhut der deutschen politischen Ent-wicklung gebildet hätte und das politisch Deutschland als Vorbild dienenkönne, sich weder unter Württemberg noch unter Bayern beugen könne.In Darmstadt hielt man auch die badischen Ansprüche und die badischeSelbsteinschätzung für stark übertrieben. Alles dies beweist nur wieder,daß Bismarck wie in der bekannten Erzählung Columbus das Ei auf denKopf stellte, als er das glorreiche Reich schuf, in dem sich die Unitas innecessariis so glücklich mit der Libertas in dubiis verband.

König Wilhelm von Württemberg, der mich im Schloß absteigen beß,war ein Fürst von schlichtem Wesen, mit einem goldenen Herzen, einguter Schwabe und dabei ein glühender deutscher Patriot. Er war vorallem treu. Wie er zeitlebens zu dem Studentenkorps hielt, dem er inGöttingen angehört hatte, zu dem Potsdamer Leibgarde-Husarenregiment,in dem er als Rittmeister gestanden hatte, so hing er mit unerschütterbcherTreue an Kaiser und Reich. Durchaus leutselig, ohne jede Aufgeblasenheit,stand er doch dem parlamentarischen Leben in Württemberg und erstrecht im Reich etwas fremd gegenüber. Er war erstaunt, als ich ihm denwürttembergischen Zentrumsabgeordneten Gröber rühmte, von dem er bisdahin kaum etwas gehört hatte. Ich vermute, daß die Rolle, die späterMatthias Erzberger aus Buttenhausen spielen sollte, den König Wühelmnoch mehr befremdet hat. Wie vorher in München, später in Karlsruhe ,Darmstadt und Dresden benützte ich auch in Stuttgart meinen Besuchvornehmbch dazu, mich mit den maßgebenden Ministern über die end-gültige Fassung wie über die parlamentarische Behandlung der Zolltarif-vorlage zu verständigen. Ich hatte zu diesem Zweck eingehende Unter-