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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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HARRY ARNIMS VERHAFTUNG DURCH BISMARCK

noch das Hotel de Radziwill, sagte mir Radowitz:Bisweilen sagt dergroße Otto doch Dinge, von denen er unmöglich annehmen kann, daßirgend jemand sie ernst nehmen soll. Das gilt auch von dem, was er soebenüber Harry Arnim ankündigte. Er wird sich hüten, gegen Arnim vorzu-gehen." Am nächsten Mittag wurde der ehemalige Botschafter in Paris Graf Harry Arnim auf seinem Gute Nassenheide arretiert. Den Anstoßzum Untergang des begabten, aber eitlen und unzuverlässigen Harry Arnim hatte Holstein gegeben. Eine der dramatischsten Szenen inRichard III. "ist der Auftritt, wo Shakespeare diesem bösen englischen König die Geisterderjenigen erscheinen läßt, die er umgebracht hat: die bleichen Züge desKönigs Heinrich IV., des armen Clarence, des Lord Hastings , der beidenim Tower erwürgten jungen Prinzen tauchen vor ihm auf. Wenn, was ichnicht weiß, Holstein vor seinem Tode eine ähnliche Vision gehabt habensollte, so wird er eine lange Reihe von Gesichtern derjenigen erblickt haben,die er, wenn auch nicht körperhch, so doch geschäftlich, dienstlich umsLeben gebracht hat. Harry Arnim würde den Reigen eröffnet haben,Keudell, Kusserow, Radowitz, Schlözer, Ferdinand Stumm, der Unter-staatssekretär und spätere Gesandte Dr. Busch hätten sich angeschlossen,die melancholische Figur des seufzenden Philipp Eulenburg wäre zuletztvorbeigezogen. Und auch der gewaltige Fürst hätte nicht im Zuge gefehlt,der einst in St. Petersburg den jungen Attache von Holstein freundlichaufgenommen hatte und dem dreißig Jahre später der alte Geheimrat vonHolstein in Berlin den Dolch in den Rücken stieß.

Als ich Reichskanzler wurde, waren Philipp Eulenburg und HolsteinPhilipp die besten Freunde. Gerade damals übersandte Eulenburg seinem FreundeEulenburg Holstein ein Exemplar der Briefe seines Onkels, des Grafen Fritz Eulen-id Holstein bm-g^ d er von I859 bis 1862 als außerordentlicher Gesandter die preußischeExpedition nach Ostasien geführt hatte, dort Handelsverträge mit Japan, China und Siam abschloß und später, von 1862 bis 1878, unter BismarckMinister des Innern war, mit nachstehendem Brief:Lieber Freund, direktvom Verleger wird Ihnen morgen ein Exemplar der Briefe meines OnkelsFritz Eulenburg aus Ostasien zugehen, die ich soeben herausgegeben habe.Ich denke mir, daß Ihnen dieselben Spaß machen werden, und es würdemich glücklich machen, wenn ich damit erreichen könnte, Ihnen amHeiligen Abend eine kleine Zerstreuung zubereiten. Wir haben uns unendlichlange nicht gesehen und geschrieben. Daß es mir nicht glückte, Ihnen imHerbst zu begegnen, hat mir sehr leid getan. Blicke ich am Schluß desJahres, das wie kein anderes vorher durch den Wechsel des Jahrhundertsdazu einladet, auf meine Arbeit und alle Kämpfe und Not zurück, die ichdurchgemacht habe, so taucht immer Ihr Bild beratend, mitkämpfend undmitleidend vor mir auf. Ich fühle mich immer zu Ihnen gehörend, und träte