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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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WILHELM II. ALS KURIER DES ZAREN

Von Heia begab sich Kaiser Wilhelm II. nach herzlichem Abschied vonRitt des Kaiser Nikolaus II. zu seinem gewohnten Jagdaufenthalt nach Rominten,Kaisers nach w0 schon Philipp Eulenburg auf ihn wartete, der mir unter dem 23. Sep-Wyschtyten tern jj er 1901 schrieb: ,,S. M. nahm meine Gratulation zu seinem DanzigerErfolg sehr warm auf und erzählte mir viele Details: natürlich war derBesuch des Zaren in Frankreich ein großer Mißerfolg, und auf England hagelte es verächtliche und fast feindliche Worte. Wilhelm Proteus. VonDir sprach S. M. in der wärmsten und anerkennendsten Weise. Du hättestKaiser Nikolaus völlig bezaubert, und das sei das Wichtigste der ganzenEntrevue gewesen." Philipp Eulenburg, der ein nicht gewöhnliches Er-zählertalent besaß, gab mir weiter eine deliziöse Schilderung der kaiser-lichen Expedition nach Wyschtyten, einem Städtchen an der preußisch-russischen Grenze, nur wenige Kilometer von Rominten entfernt. Der kleineOrt war einige Wochen früher zum größten Teil durch Feuer zerstört wor-den. Philipp Eulenburg schrieb mir:Wir waren kaum gestern abend inRominten eingetroffen, als ein langer Bericht über den Brand der kleinenrussischen Grenzstadt einverlangt wurde, den der schläfrige ForstmeisterSaint-Paul abstattete, dann wurde gegessen und nachher verkündet, SeineMajestät werde morgen, also heute nachmittag, als russischer General nachWyschtyten sprengen und auf dem dortigen abgebrannten Marktplatz5000 Rubel im Auftrag des Zaren unter die weinende Bevölkerung verteilen.Es sind 150 Familien abgebrannt, lauter Juden. Das kann ja ein großartigerMoment werden. Der selige Jeremias wird die Stunde segnen und sichbesonders sehr über die neue russische Dragoneruniform freuen." Amnächsten Tag schrieb mir Eulenburg über diesenapokalyptischen Ritt"weiter:Seine Majestät bestieg ein Pferd und ritt, von zwei Adjutanten,Richard Dohna und Forstmeister Saint-Paul begleitet, im Galopp überdie Grenze. Ich folgte mit August Eulenburg und Admiral Hollmann imWagen. Welches seltsame Unternehmen! Der Polizeiwachtmeister triebschimpfend und schlagend die armen Juden auf den Marktplatz, wo S. M.sich aufgestellt hatte, um eine Rede zu halten. Die Juden hatten die ,langeNacht' und kamen widerwillig und greulich schmutzig aus der Synagoge.Endlich standen etwa 200 Menschen auf dem Platz, und der Kaiser hielt eineschwungvolle Rede, die niemand verstand. Dann traten Juden an michheran und fragten, wer der russische Offizier sei? Sie glaubten nicht, daß esder Deutsche Kaiser sei, ,der doch wohl nicht nach Wyschtyten käme unddann doch eine deutsche Uniform tragen müsse'. Kurz und gut, es hateigentlich niemand begriffen, wozu das alles war. In der Hauptsache wares wohl der Wunsch, Wyschtyten zu sehen, dazu kam die Gelegenheit, eineRede zu halten, die russische Uniform zu tragen, und doch auch der Wunsch,zu helfen. Heute früh schoß der Kaiser nach zwei vergeblichen Pirschen