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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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ÜRRAH!

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zwei Achtzehnender. Die Laune ist rosig." Am nächsten Tag telegraphiertePhilipp Eulenburg amtlich, der Kaiser befehle, daß die von ihm inWyschtyten gehaltene Rede durch Wolfis Telegraphen-Büro verbreitetwerden solle. Sie lautete:Seine Majestät Kaiser Nikolaus , euer erhabenerLandesherr, Mein geliebter Freund, hat von eurem schweren Unglückgehört. Er läßt euch durch Meinen Mund mitteilen, wie sehr ihn diese Nach-richt betrübt hat, und läßt euch sein herzliches Mitgefühl aussprechen.Aber noch mehr, er sendet euch durch Mich als Zeichen seiner landes-väterlichen Fürsorge eine Spende von 5000 Rubel. Ihr erseht hieraus, wiedas Auge eures erhabenen Landesvaters überall bis an die Grenzstädteseines gewaltigen Reiches reicht und wie sein gütiges, warmes Herz fürseine noch so entfernten Untertanen schlägt. Eurer Dankbarkeit und Liebefür euren Kaiser und Vater werdet ihr jetzt Ausdruck geben, indem ihrruft: Ssa Sdarwje jewo Welitschestwo Gossudarja Imperatora Nicolai!Urrah!" Wenn von der Begleitung inklusive dem intimsten Freund SeinerMajestät, Philipp Eulenburg , niemand den Zweck dieses Einritts in einkleines russisches Grenzstädtchen begriff, so ist es mir auch heute nochpsychologisch unverständlich, wie ein in mancher Hinsicht hochbegabterMann wie Wilhelm IL, der viele und ernste Interessen hatte, der damalsschon zweiundvierzig Jahre alt war und schon über zwölf Jahre auf demThron saß, an solchen Kindereien Gefallen finden, ein derartig operetten-haftes Unternehmen in Szene setzen konnte.

Nicht lange nach dieser seltsamen Expedition stattete Prinz Heinrichseinem Schwager, dem Zaren, zu dem er in den allerbesten Beziehungen Besstand, in dessen Jagdschloß Spala im russisch -polnischen Gouvernement desPetrikow einen längeren Besuch ab. Uber seine Eindrücke erzählte mirPrinz Heinrich bei seiner Rückkehr, Kaiser Nikolaus habe ihn auf dasverwandtschaftlichste empfangen, ihn wiederholt dringend gebeten, nochlänger zu bleiben, ihm immer wiederholt, daß das Zusammensein mit dempreußischen Schwager ihm eine wahre Freude und Wohltat sei. Das warenausnahmsweise keine Redensarten. Für seinen Schwager Heinrich empfandder (vorläufig) letzte russische Zar aufrichtige Freundschaft. Prinz Heinrichschilderte mir seinen Schwager als sehr wohlerzogen und immer liebens-würdig in der Form, auch im allgemeinen wohlwollend und selbst human,aber gewillt, das autokratische System aufrechtzuerhalten. Uber religiöseDinge denke der Zar im Gegensatz zu seinem Vater sehr frei. Er werde sichaber öffentlich nie in Widerspruch zur Orthodoxie setzen. Er interessieresich für Armee und Marine, habe Verständnis für militärische Dinge und seials junger Prinz ein guter Kompagnieführer und selbst Regimentskomman-deur gewesen, wäre aber ganz friedlich gesinnt. Kaiser Wilhelm imponieredem Zaren, aber gehe diesem bisweilen auf die Nerven. Unser Kaiser dürfe