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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER ZAR WILL RUHE HABEN

gegenüber dem Zaren die Note nicht forcieren. Den Ritt nach Wyschtytenhätten nicht nur die meisten Russen, sondern auch der Zar für ein nicht nurseltsames, sondern etwas würdeloses Nachlaufen gehalten.Trachten Sie,meinen Bruder, den Kaiser, dahin zu bringen, freundlich und höf lieh mit demZaren zu sein, ihn aber nicht mißtrauisch zu machen und vor allem ihn inRuhe zu lassen. Das ist die richtige Formel für seine Behandlung." Von derUmgebung des Zaren hätte der Generaladjutant und HausministerFredericksz den größten Einfluß; er sei entschieden deutschfreundlich unddurchaus zuverlässig. Prinz Heinrich, der sehr englisch war und Politikmehr mit dem Herzen als mit berechnendem Verstand trieb, klagte dar-über, daß der Zarleider" schlecht auf England zu sprechen wäre. Der Zarmißtraue der englischen Politik und verachte die englische Armee wie dasenglische konstitutionelle, parlamentarische Regierungssystem. Darin seier Moskowiter. Er habe auch keine besondere Achtung vor seinem Onkel,dem König Eduard. Unternehmen wolle er aber gegen England ebensowenigetwas wie gegen irgendein anderes europäisches Land. Wenn er je in Europa Krieg führe, so würde dies nur sein, weil er sich von einer anderen Groß-macht angegriffen glaube. Der Zar wolle nicht einmal die Mandschureihaben, sie aber auch keinem anderen überlassen. Dasselbe gelte für Korea.Der Zar sagte seinem Schwager Heinrich, die Japaner in Korea würden soviel bedeuten, als daß in Ostasien eine neue Bosporus-Frage geschaffenwerde. Wenn die Japaner versuchen sollten, sich in Korea festzusetzen, sowäre das für Rußland allerdings ein Casus belli. Der Zar vertraute seinemSchwager an, daß ein Zusammenstoß zwischen Japan und Rußland früheroder später eintreten dürfte, aber nicht vor vier Jahren, bis wohin Ruß-land die maritime Superiorität im Stillen Ozean erlangt haben würde. WäreRußland erst so weit, so würden sich die Japaner hüten, mit ihm anzu-binden. In fünf bis sechs Jahren würde auch die Sibirische Bahn vollendetsein, die er, der Zar, als sein Lebenswerk betrachte. Für diese Bahn braucheer französisches Geld, würde aber politisch vor den Franzosen auf der Hutsein und sich nicht von ihnen exploitieren lassen. Deutschland und Ruß-land müßten untereinander Frieden halten und so den Weltfrieden aufrecht-erhalten.

Die Mitteilungen, die ich aus St. Petersburg von dem Botschafter Alvens-Berichte leben, von Zeit zu Zeit auch durch den Freund der russischen Kaiserfamilie,Alvenslebens (J en na ch wie vor oft nach St. Petersburg eingeladenen General von Werder ,und Werders gjjjjgl^ stimmten im allgemeinen mit den Eindrücken des Prinzen Heinrichaus Petersburg u j )ere; j 11> Werder hatte mir im Frühjahr 1901 geschrieben, daß auch dieKaiserin- Mutter, obwohl sie seinerzeit über die Wilhelmshavener Rede desKaisers (Pardon wird nicht gegeben") außer sich gewesen wäre, dochüberzeugt sei, daß wenigstens der Reichskanzler aufrichtig bemüht wäre,