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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DAS ZENTRUM

Mein lieber Freund der Dichter Adolf Wilbrandt schrieb meiner Frauaus Rostock:Möge Ihrem Gatten so weiter alles glücken, was sein deut-sches Herz ihm eingibt." Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, FürstHermann Hohenlohe -Langenburg, früher mir gegenüber nicht ganz freivon Eifersucht, drückte mir die Uberzeugung aus, daß das Vaterland mirdas Wiedererblühen seiner wirtschaftlichen Wohlfahrt zu danken habenwerde. Der bayrische Ministerpräsident Crailsheim schrieb mir, daß dieunter einsichtsvoller und tatkräftiger Leitung zu einem befriedigendenAbschluß gebrachte große wirtschaftliche Vorlage der Nation zum Wohleund dem Vaterland zum Segen gereichen würde. Er hat sich nicht getäuscht.Gern gedenke ich bei der Rückschau auf diese stürmischen Tage der aus-gezeichneten Unterstützung, die ich bei der Ausarbeitung des Tarifes undseiner parlamentarischen Rehandlung bei meinen Mitarbeitern, an ersterStelle bei Graf Posadowsky, Freiherrn von Richthofen und ExzellenzKörner gefunden habe.

Leider war mein Pensum mit dem Zustandekommen eines verständigenDie Zolltarifs, der die Landwirtschaft schützen und gleichzeitig den Abschluß

Swinemünder V on Handelsverträgen ermöglichen sollte, noch nicht erschöpft. Es standDepesche vor ^jj. noc } 1 fc e schwierigere und unerquickliche Aufgabe bevor, die letzten,

dem Reichstag gemeinten, aber intempestiven Auslassungen des Kaisers und ins-besondere die Swinemünder Entgleisung vor dem Reichstag und vor demLande zu vertreten. Die Swinemünder Depesche brachte bei der erstenLesung des Etats am 19. Januar 1903 der Abgeordnete Schädler zurSprache.

Im Zentrum saßen Männer, die sich ebensosehr durch politische Ein-sicht wie durch vornehme Gesinnung und Charakter auszeichneten. Ichnenne außer dem Grafen Franz Rallestrem meinen alten und lieben Freund,den Prinzen Franz Arenberg, Spahn, Herold, Gröber, Graf Praschma,Huene, Graf Galen, Hertling, Porsch, Müller-Fulda, Buol, Graf Preysing .Den demokratischen Flügel des Zentrums führte in jener Zeit Ernst Lieber .Er war bei den Aristokraten des Zentrums, die damals zum Wohl der Parteiwie der katholischen Sache mit den Bischöfen die letzte Entscheidunggaben, nicht gut angeschrieben. Aber bei manchen kleinen Schwächen warer doch ein Mann von edlem Herzen und von schönen Gaben. Wie in jederHerde gab es natürlich auch im Zentrum schwarze Schafe. Der KaplanDasbach war selbst in seiner eigenen Partei wenig behebt. Arenberg erzähltemir gelegentlich, daß, als Dasbach einmal auf der Zentrumskneipe miteinem oberbayrischen Kollegen einen Streit vom Zaune brach, dieser ihmmit bajuvarischer Offenheit sagte:Am liebsten tat' i eana oans runter-hau'n, aba mir tat' mei Hand load." Gebildeter, aber ebenso unsympathischwar der Domdekan Schädler aus Bamberg . Sein lebhafter Wunsch war,