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DER KRATZFUSS
Appell richtete. „Sie haben jetzt die Wahl, sich den künftigen Kaiser vonÖsterreich für immer zum Freund oder zum Feinde zu machen." Der Kaiserwarf mir einen halb verdrießlichen, halb lachenden Blick zu. Der Zug hielt.Nachdem Kaiser Wilhelm more solito den alten Kaiser von Österreich um-armt und auf beide Wangen geküßt hatte, ging er mit freundlichster Mieneauf den Thronfolger zu und sagte zu ihm: „Wann kann ich die Ehre haben,deiner Frau Gemahlin meinen Kratzfuß zu machen ?" Der Erzherzog wurderot vor Freude, dann verbeugte er sich und küßte dem Kaiser die Hand.Am Nachmittag erfolgte der kaiserliche Besuch bei der Fürstin, späterenHerzogin von Hohenberg. Der Erzherzog erwartete den Kaiser auf derSchwelle des Hauses und führte ihn zu seiner Gemahlin. Die Entrevue ver-lief auf das beste und legte den Grund zu einer aufrichtigen Freundschaftzwischen Kaiser und Erzherzog, die bis zur Untat von Serajewo nicht ge-trübt werden sollte.
Der österreichisch-ungarische Minister des Äußern, mein langjährigerGespräch persönlicher Freund Graf Agenor Goluchowski , sprach sich bei unseremBÜlows mit Wiedersehen über die innere und äußere Lage der habsburgischen Mon-,oluchowski aj-chi,, m j[ t (jgj. Offenheit aus, die unseren Beziehungen entsprach. Solangesich die russische Politik in ruhigen Bahnen hielte, müsse und werdeÖsterreich seine Politik so einrichten, daß die russische Regierung sie mit-machen könne. Er halte an zwei Gesichtspunkten fest: erstens, zu tun, wasmöglich sei, um Konflikte zwischen der Türkei und den Balkanstaaten zuverhindern, zweitens, wenn solche Konflikte trotzdem ausbrechen sollten,sie zu lokalisieren. Goluchowski fügte hinzu, da letzteres viel schwierigersei als ersteres, käme es also praktisch vor allem darauf an, beruhigend unddämpfend auf die Türkei wie auf die Balkanstaaten einzuwirken. Das warein verständiger und von mir geteilter Standpunkt, während leider nachmeinem Rücktritt Bethmann unter dem Einfluß von Kiderlen und Wan-genheim, bis zu einem gewissen Grade auch des Feldmarschalls Colmar vonder Goltz, und unter voller Zustimmung des Kaisers einen Konflikt zwischenTürkei und den Balkanvölkern nicht ungern sah, in der Annahme, daß dieTürkei den „Hammeldieben von der unteren Donau", wie Kiderlen sie zunennen pflegte, eine vernichtende Niederlage bereiten würde, eine Voraus-setzung, die sich bekanntlich nicht erfüllte. Goluchowski lobte Lambsdorff,dessen Vorsicht ihm gefiel. Daß Lambsdorff seit der schlechten Behandlungin Heia für Kaiser Wilhelm nicht mehr besonders schwärmte, erschien demösterreichisch-ungarischen Minister natürlich nicht gerade als ein Unglückfür sein Land, wenn er es mir auch nicht sagte. Goluchowski sprach sichmit Entschiedenheit dahin aus, daß Österreich-Ungarn weder eine Teilungder Balkanhalbinsel zwischen sich und Rußland, wie Fürst Bismarck sieoft vorgeschlagen habe, noch die Bildung eines Groß-Serbiens noch eine