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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Seite
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PLÖTZLICHER KURS AUF GENUA

Während der Kaiser das Mittelmeer befuhr, erfolgte der Besuch desKeine Präsidenten der Französischen Republik Loubet in Rom. Wilhelm II. hätteBegegnung g ar zu g ern e j ne Begegnung mit Loubet herbeigeführt. Er überlegte sichmit Loubet e jf r £g ,j as Zeremoniell des Zusammentreffens. Er bezeichnete es mir als un-möglich, bei einem Besuch von Loubet an Bord eines deutschen Schiffes dieMarseillaise " spielen zu lassen.Das wäre gegen meine legitimistischenGrundsätze", meinte der Kaiser. Dagegen wollte er dem Präsidenten denfranzösischen ArmeemarschSambre et Meuse" konzedieren, obwohlauch dieser Marsch die Bluttaufe der Revolution erhalten hatte. Ich sagtedem Kaiser, daß er sich umsonst den Kopf zerbreche, denn Loubet würdeschwerlich den Mut haben, mit ihm zusammenzutreffen und dadurch allefranzösischen Chauvinisten, Deroulede und die Ligue des Patriotes vor denKopf zu stoßen. Das würde er gerade in dem Augenblick nicht wollen, woer bemüht wäre, unter Brüskierung des Papstes die Italiener einzufangen.Der Kaiser hielt aber an seinem Plan mit der Hartnäckigkeit fest, die ihmeigen war, wo es sich um persönliche Inspirationen handelte.

Er hatte ursprünglich die Absicht gehabt, vor Beendigung seiner Mittel-meer-Reise Korfu anzulaufen, um dort mit seiner Schwester, der Kron-prinzessin Sophie von Griechenland , zusammenzutreffen und sich gleich-zeitig das Achilleion anzusehen, das schöne Schloß der Kaiserin Elisabethvon Österreich^ von dem er viel gehört hatte, das er zu besitzen wünschteund später auch erworben hat. Plötzlich wurde, ohne daß es mir nach Berlin mitgeteilt worden wäre, der Kurs des Dampfers, der Seine Majestät trug,geändert und statt auf Korfu und Venedig auf Genua genommen, in derHoffnung, unterwegs dem in denselben Tagen von Neapel nach Frankreich zurückkehrenden Präsidenten Loubet zu begegnen, richtiger gesagt, umihn zwischen Neapel und Genua zu überfallen. Der Kaiserliche Botschafterin Rom Graf Monts schrieb mir unter dem 31. März 1904, daß SeineMajestät an der Ausschiffung in Genua festhalte. Es hieß in diesem Brief:Da der für Genua in Aussicht genommene Termin des 29. mit dem Terminder Abreise des Präsidenten Loubet aus Neapel zusammenfällt, war vonitalienischer Seite vertraulich angeregt worden, ob nicht eine Änderung desReiseprogramms Seiner Majestät zu ermöglichen wäre. Der Kaiser hatteindes ein Parallelprogramm, in welchem Major von Chelius eine Aus-schiffung in Triest in Vorschlag brachte, abgelehnt. Da gegen Schluß derReise ein Besuch des Adriatischen Meers, speziell der Insel Korfu in Aussichtsteht, wird vermutlich italienischerseits in der Rückkehr in das Mittellän-dische Meer zwecks Ausschiffung in Genua eine Absichtlichkeit gefundenwerden. Dieselbe würde in erster Linie auf den König Viktor Emanuelverstimmend einwirken und den tatsächlich guten Verlauf der NeaplerEntrevue beeinträchtigen. Der italienische Hof würde nicht u mh inkönnen,