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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Seite
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PROFESSOR SCHIEMANN

LS

Kaiser von der Reise zurückkehrte, sagte mir der Chef des MilitärkabinettsGraf Dietrich Hülsen, der viel gesunden Menschenverstand besaß:Warumhaben Sie uns diesen gräßlichen Schiemann auf die Reise mitgegeben ? Erist ein Schmarotzer, ein Schleicher und ein Schmeichler, das zusammen istzu viel." Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so muß ich gestehen,daß, wenn Irren überhaupt menschliches Los ist, ich das Malheur hatte,in personalibus häufig zu irren. Als ich Staatssekretär des Äußern wurde,lenkten Waldersee und Holstein meine Aufmerksamkeit auf einen baltischenProfessor der Geschichte, Herrn Theodor Schiemann , der sich in einermateriell bedrängten Lage befände. Ich lud ihn zu Tisch ein und fand einenin der russischen Geschichte wohlbeschlagenen Mann. Da ich mich für Ge-schichte immer lebhaft interessiert, auch während meines langen Aufent-haltes in Rußland selbst russische Geschichte studiert hatte, fand ich Ge-fallen an ihm, obwohl mich die allzu weit getriebene Unterwürfigkeit seinerManieren nicht angenehm berührte. Da es ihm wirklich recht schlecht zugehen schien, so unterstützte ich ihn gelegentlich aus dem kleinen Fonds,der mir für solche Zwecke zur Verfügung stand. Ich erfüllte auch seinenbrennenden Wunsch, dem Kaiser vorgestellt zu werden, und ließ ihn nacheinem Diner, an dem Seine Majestät teilgenommen hatte, seine Parade-stücke aufsagen: die Hinrichtung des unglücklichen Zarewitsch Alexeidurch seinen Vater, Peter den Großen, die Ermordung des Kaisers Peter III. durch seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina, die Erdrosselung des KaisersPaul unter stillem Mitwissen, wenn nicht mit Konnivenz semer Gemahlinund seines ältesten Sohnes, des Kaisers Alexander I . Ich setzte ihn auch aufdie Liste der Personen, die ich dem Kaiser vorschlug auf die Mittelmeerfahrtmitzunehmen. Da Schiemann nicht nur sehr verhungert aussah, wodurcher von vornherein das weiche Herz meiner Frau gerührt hatte, sondern auchrecht schäbig angezogen war, so ließ ich ihn für die Reise neu ausstaffieren.Er erhielt einen stattlichen dunkelblauen und einen schmucken hellgrauenAnzug, mit denen bekleidet er sich ohne Scheu dem Allerhöchsten Gefolgeanschließen konnte. Aber Theodor Schiemann vertrug wie manche andereGelehrte die Hof luft nicht. Er bildete sich immer mehr zum Speichelleckerund Ohrenbläser aus und sollte mir und, was schlimmer war, unserer Politikim Laufe der Jahre viele Ungelegenheiten bereiten. Schiemann schriebdamals in derKreuzzeitung " die wöchentHche Rundschau über auswärtigePolitik und benutzte fast jeden seiner Artikel zu einem Trompetenstoß fürmich. Diese Aufsätze sind später in Buchform erschienen. Sie stehen wohl-geordnet in meiner Bibliothek. Sie waren schön eingebunden in prächtigemrotem Leder, sie brauchten also nicht zu erröten, als sich Professor Schie-mann mir gegenüber nach meinem Rücktritt aus einem eifrigen Lobrednerin einen gehässigen Gegner verwandelte.