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IMPONIEREN
Kriegshafen, erwiderte er nicht ohne Gereiztheit, sein Onkel habe ihm denBesuch in Berlin bisher verweigert, um einen solchen „betteln" wolle er abernicht. Da ich diesen Einwurf vorausgesehen hatte, zog ich ein den Aktenentnommenes Telegramm aus der Tasche, aus dem hervorging, daß KönigEduard schon vor längerer Zeit dem Kaiser einen Besuch in Berlin hatteabstatten wollen. Von Seiten des Kaisers, dem der Besuch damals nichtpaßte, da er andere Dinge vorhatte, war abgewinkt worden. Seiner Majestätblieb nichts anderes übrig, als sich darauf zu berufen, daß er dem Königvon England bereits telegraphiert hätte, er wäre hocherfreut über dessenbaldige Ankunft in Kiel . Dabei müsse es bleiben. In ruhiger und sachlicherWeise entwickelte nun der Staatssekretär des Beichsmarineamts, daß wirbesser täten, nicht unsere ganze Flotte in Kiel zusammenzuziehen. DerKaiser, der Tirpitz seit längerer Zeit nicht mehr mochte, während er fürmich damals noch von gütigen und freundschaftlichen Gefühlen beseeltwar, erklärte in unwirschem Tone, es sei kindisch, zu glauben, daß dieEngländer nicht über den Bestand unserer ganzen Flotte, von den Groß-kampfschiffen bis zur kleinsten Pinasse, genau orientiert wären. Tirpitzentgegnete, daß auch er daran nicht zweifle. Es sei aber ein Unterschied,ob König Eduard und die ihn begleitenden Admirale und Seeoffiziere überunsere Marine nur durch die Berichte des englischen Marineattaches inBerlin und gelegentliche Meldungen von Agenten und Spionen informiertwürden oder ob sie unsere Flotte in ihrer ganzen Stärke und Manövrier-fähigkeit vor sich erblickten. Gerade auf den Engländer wirke sehr stark,was er vor sich sehe, der direkte Eindruck. Ich unterstützte lebhaft undnachdrücklich die durchaus zutreffenden Vorstellungen von Tirpitz.Schließlich meinte der Kaiser, Tirpitz möge so viele oder so wenige Schiffenach Kiel zusammenziehen, wie er wolle. Am nächsten Tage stellte sich her-aus, daß der Kaiser trotzdem im Laufe der Nacht durch das Marine-kabinett direkt Weisung gegeben hatte, auch den kleinsten Kahn nachKiel zu schicken. Er wollte auch bei diesem Anlaß vor allem „imponieren".
Am 25. Juni sollte der König von England in Kiel eintreffen. Der Kaiserhatte die Absicht, seinen Onkel, der den Weg durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal einschlagen wollte, in Brunsbüttel zu empfangen, wovon ich ihn mitMühe abhielt, unter Hinweis darauf, daß es dem nicht mehr ganz jungenKing schwerlich angenehm sein würde, morgens zwischen vier und fünf Uhrim Schlafe gestört zu werden. Der Kaiser bestand aber darauf, daß erdann wenigstens dem König an Bord seines Schiffes den ersten Besuchabstatten wolle. Als er seinen Oheim dies wissen ließ, entgegnete dieser mitdem von ihm nie verleugneten Takt, es wäre an dem Besucher, dem Be-suchten die erste Visite zu machen. Der Kaiser hatte alles in Bewegunggesetzt, um den Empfang so glänzend wie nur irgend möglich zu gestalten.