DIE ANGEREGTE ENTREVUE
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Gesicht des Ostasiaten zu der deutschen Botschafterin, der Gräfin AJvens-leben: „Der arme Zar weiß nicht, daß, während er hier mit mir spricht,sein Geschwader in Port Arthur von uns versenkt wird." Auch nachdem dasSeegefecht von Tschemulpo tatsächlich Korea in japanischen Besitz ge-bracht hatte, erwiderte Kaiser Nikolaus dem Hofmarschall Benckendorffauf dessen Frage, ob im Hinblick auf den Krieg mit Japan die bevorstehen-den Hofbälle nicht abgesagt werden sollten: „Es wird ja gar nicht zu einemernstlichen Krieg kommen. Les Japonais n'oseront pas." Eine russischeFreundin sagte mir später darüber: „Les imperiaux dans tous les pays neveulent jamais croire et admettre ce qui ne leur convient pas." Sie hätteauch den lateinischen Spruch zitieren können: „Quos deus perdere vult,dementat prius."
Wenn der Mai gekommen war und die Bäume ausschlugen, pflegte sichin der beweglichen Brust des Kaisers Tatendrang zu regen. Nicht immer zu Eduard VII .seinem Heil. Im Frühjahr 1904 überraschte er mich mit der Mitteilung, kommt nachdaß sein Oheim König Eduard sich zu einem Besuch in Kiel angesagt hätte. KlelIch hatte sogleich Zweifel daran, ob dieser Besuch wirklich aus der Initiativedes Königs hervorgegangen wäre. Ich hörte denn auch später, daß der Kaiserdurch seinen Bruder, den Prinzen Heinrich, dem König den Wunsch einesZusammentreffens in Kiel hatte nahelegen lassen. Der Gedanke, den eng-lischen Monarchen gerade in die Werkstatt unserer Flotte, in unserenschönsten Hafen zu führen und ihm die raschen Fortschritte unserer Marinead oculos zu demonstrieren, behagte mir nicht. Ich hätte lieber einen Be-such in Berlin oder ein Zusammensein in Wilhelmshöhe mit seiner prächti-gen Umgebung oder in Homburg v. d. Höhe mit Automobilausflügen imTaunus und hübschen Fahrten auf dem Rhein gesehen. Während ich mirdiese Erwägungen durch den Kopf gehen Heß, trat Tirpitz bei mir ein, demder Kaiser den ihm angeblich angesagten englischen Besuch in Kiel gleich-falls telephonisch mitgeteilt hatte. Die Entrevue in Kiel mißfiel ihm fastnoch mehr als mir. Er meinte, der Kaiser würde bei seiner kindlichen Eitel-keit es nicht lassen können, sich vor den Engländern mit der raschen Ent-wicklung seiner Flotte und den von ihm auf diesem Gebiet bereits erzieltenErfolgen zu brüsten. Das Renommieren wäre ihm nun einmal nicht abzu-gewöhnen. Es handle sich also nur noch darum, ihm keine zu bedenklicheGelegenheit zum Prahlen zu geben. Jedenfalls müßten wir verhindern, daßder Kaiser die ganze Flotte in Kiel zusammenzöge. Je weniger Schiffe erdort den Engländern vorführe, um so besser. Wir beschlossen, dem Kaisergemeinsam Vorstellungen zu machen, und fuhren zu diesem Zweck sogleichvon Berlin nach dem Neuen Palais.
Als ich dem Kaiser sagte, daß ich eine Begegnung in Homburg , Wil-helmshöhe und auch in Berlin lieber gesehen hätte als in unserem größten