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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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MIT GEDULD UND TAKT

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nicht daran, Deutschland isolieren zu wollen. Ich wünsche im Gegenteil,die Reibungsflächen zwischen allen Großmächten zu verringern und Europa für möglichst lange Zeit den allgemeinen Frieden zu sichern, der ebenso-sehr im deutschen wie im englischen Interesse hegt. Ich werde trachten,auch zwischen England und Rußland die Reibungsflächen zu verringern.Der Friede ist eine Notwendigkeit für alle Völker, die alle unter der Lastihrer Rüstungen und Steuern seufzen." Beiläufig äußerte der König, erwürde es beklagen, wenn es im näheren Orient zu Unruhen käme.Ich binüberall für Ruhe. Mit dem Sultan und den Türken ist freilich nicht mehrviel anzufangen. Der erstere ist unbelehrbar, und die letzteren haben sichüberlebt. Die Zukunft auf der Balkanhalbinsel gehört den Rumänen,Griechen und Bulgaren." Mit großer Liebe sprach König Eduard von seinerNichte, der Kronprinzessin Maria von Rumänien . Er verstünde nicht recht,weshalb Kaiser Wilhelm sich über diese seine leibliche Kusine überall sowenig freundlich äußere. Ein wenig Koketterie, hier und da ein kleinerFlirt wären einer jungen und hübschen Frau wohl zu gönnen. Übrigenspflege in solchen Fällen die Fama meist zu übertreiben. UnfreundlicheÄußerungen des Kaisers über die Kronprinzessin von Rumänien wären ihrhinterbracht worden und hätten sie gegen Seine Majestät verstimmt.Ihren Mann natürlich auch", fügte der König lächelnd hinzu.Man tutgut, nicht überall den Schulmeister zu spielen." Die inneren russischenVerhältnisse beurteilte König Eduard sehr pessimistisch, General Bobrikowverglich er mit dem Landvogt Geßler. Über Kaiser Nikolaus sprach er mitverwandtschaftlicher Zuneigung. Der König beendete die Unterredung, diedurch ihre Länge den Kaiser zu präokkupieren schien, der aber nicht ein-griff, sondern außer Hörweite auf dem Achtersteven desMeteor" denanwesenden Marineleuten Vorträge über Schiffsbau hielt, mit den ruhigund bestimmt gesprochenen Worten:Mit Geduld und Takt werdenbeide Völker allmählich wieder zu einem besseren gegenseitigen Verständ-nis gelangen. Ich habe persönlich nach wie vor Vertrauen zu Ihnen, zuIhrer aufrichtigen Friedensliebe und zu Ihrer Geschicklichkeit."

Wenn ich mir diese Unterredung, die ich ihrer historischen Bedeutungwegen auf Grund einer sofortigen Aufzeichnung fast wörtlich wiedergegebenhabe, rückschauend vergegenwärtige, so steht für mich heute wie damalsfest, daß es das eifrigste Bestreben des Königs Eduard war und blieb,Deutschland und Rußland auseinanderzuhalten. Er war gewiß bemüht,im Hinblick auf alle Möglichkeiten der Zukunft die englischen Beziehungenzu Frankreich wie zu Rußland, aber auch zu Amerika und zu Japan , zuItalien und zu Spanien sorgsam zu pflegen. Ich habe schon einmal, bei derBesprechung der Pariser Weltausstellung von 1878, ausgeführt, daß KönigEduard , obschon er rein deutscher Abstammung war, von väterlicher Seite