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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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DER BLAUE AFFE

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Ich habe heute an anderer Stelle über den Eindruck berichtet, dender Kieler Besuch des Königs Eduard in England gemacht hat. Princeof Wales, Herzog von Connaught, die Prinzessinnen, alle sprachen sich mirgegenüber sehr erfreut über diesen erfolgreichen Besuch aus. Aber nicht nuram Hof, sondern überall höre ich von Kiel als ,a great success' reden. Siewissen, ich gebe im allgemeinen auf Klatsch und Tratsch nicht sehr vielund bin Kombinationen, die keine solide Basis haben, nicht sehr geneigt.Es unterhegt mir aber keinem Zweifel, daß wir es schon länger mit einergeheimen Verschwörung zu tun haben, die gegen die deutsch -englische Ver-ständigung gerichtet ist. In der Publizistik, besonders in den Revuen, findeich mitunter Angaben, die nur auf fremde diplomatische Einflüsterungenzurückzuführen sind. Der Engländer, auch der gebildete, ist geneigt, vonseinen Monatsschriften anzunehmen, daß sie keinen politischen Einfluß aus-üben, weil sie nur von wenigen gelesen werden. Ich bin nicht der Ansicht.Von wenigen geht der Impuls aus, der sich auf die Menge überträgt, undselbst die abstrakten Gedanken der Wissenschaft, wenn sie tief und packendsind und eine Wahrheit enthalten, formieren das Geschlecht der Zeitgenos-sen, die jene ursprünglich kaum kannten noch verstanden. Den Anonymusdes Revueschreibers habe ich häufig auf seinen richtigen Namen zurück-geführt, über seinen dahinterstehenden Informanten bleibt aber der Schleiergedeckt. Vor Kiel wurde ein allgemeiner Anlauf unternommen, uns zu ver-dächtigen und vor uns zu warnen, nicht nur in den politischen Zeitschriften,sondern auch bei Hofe. Ich weiß bestimmt, daß starke Einflüsse auf KönigEduard eingewirkt haben, um ihn von Kiel abzuhalten. Unter den Diplomatengibt es nur drei, die das Ohr des Königs haben: der Portugiese Soveral,der Österreicher Mensdorff und der Russe Benckendorff. Soveral istnicht intrigant, auch nicht deutschfeindlich, und könnte uns sogar sehrnützlich sein, wenn er nicht glaubte, an höchster Stelle bei uns zu miß-fallen und gesnobbed worden zu sein. Ich weiß, daß Seine Majestät einstarkes Vorurteil gegen ihn hat. Ich bedauere dies und möchte glauben,daß Seine Majestät nicht immer richtig über Soveral informiert worden ist.Wie alle Südländer und auch wie mancher Nordländer ist er eitel, und wennich wüßte, daß er in Berlin auf der Durchreise gut behandelt würde (dasheißt von Seiner Majestät), so würde ich ihn gelegentlich durch HansHeinrich Pleß nach Fürstenstein einladen lassen. Ohne daß er von SeinerMajestät empfangen wird, würde er, soweit ich ihn beurteilen kann, nichtnach Berlin reisen. Die Zeiten, wo er der ,blaue Affe' war, sind vorüber,und er ist jetzt eine nicht unwichtige und allgemein behebte Persönlichkeit,die für uns hier vielleicht von großem Nutzen sein könnte, insofern, als erVerdächtigungen und Beschuldigungen entgegentreten würde, die er jetztlaufen läßt, wenn er, bei der Eitelkeit gefaßt, von Seiner Majestät gut und

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