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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER RUSSE BENCKENDORFF

mit einer gewissen Auszeichnung behandelt würde. Soveral sagte mir auchdieser Tage in einem längeren Gespräch, das ich mit ihm hatte, daß KönigEduard außerordentüch befriedigt von Kiel zurückgekommen sei. Soveral,der ein kluger Mann ist und den König vielleicht ebenso gut kennt wieirgendein anderer, bemerkte, dem König habe stets außerordentlich vielan guten politischen Beziehungen zu Deutschland gelegen. Der König seider Tradition und dem Gefühle nach für Deutschland , und Mißhelligkeitenmit Deutschland wirkten geradezu ungünstig auf sein Wohlbehagen ein.

Soveral verhehlte mir nicht, daß wir irgendwo einen starken Feindsitzen hätten, dessen Hand man vielfach verfolgen könne, der aber zuletztimmer verschwinde. Er konnte oder wollte nicht sagen, wer er sei. Ich halteSoveral wirklich nicht für so diabolisch, daß er mir dies gesagt hätte, wenner selbst der verborgene Feind wäre. Es ist das Interesse Österreichs , daßdie deutsche und die englische Politik sich in ähnlichen Bahnen bewegen.Schon deshalb glaube ich nicht, daß Mensdorff gegen uns intrigiert. Außer-dem habe ich gar keine Anzeichen dafür und nie gehört, daß er gegen unswirkt. Er wird wohl mitunter mitschwätzen und mitsympathisieren, wenneine Royalty glaubt, ein ,grief gegen uns zu haben, aber ich bin überzeugt,daß er sich nicht politisch gegen uns stellt. Ich weiß sogar bestimmt, daßes ihm höchst fatal war, als die deutsch -englischen Beziehungen sich ver-schlechterten. Bleibt Benckendorff. Bei ihm erfordert das politische Inter-esse schlechte Beziehungen zwischen England und Deutschland . Ich habemehrfach lange Gespräche mit ihm gehabt, worin er sich als sehr deutsch-freundlich gibt. Er mag aber dem Grundsatz huldigen, daß gute Beziehun-gen zwischen Rußland und Deutschland ebenso nützlich sind wie schlechtezwischen Deutschland und England . Er ist sehr geschickt und glatt, und bisich lerne, daß ich mich getäuscht habe, wende ich auf ihn den Grundsatzan: ä larron, larron et demi. Alles, was ich ihm sage, mag er unbeschadethier und in Petersburg wiederholen. Obschon ich ungern ohne feste Grund-lage anklage, so kann ich nicht umhin, Ihnen mitzuteilen, daß mir vonverschiedenen Seiten zu Ohren gekommen ist, daß Benckendorff beiKönig Eduard den Besuch in Kiel zu hintertreiben versucht hat.

Von allen Gerüchten ist Hofgerüchten vielleicht am wenigsten zu trauen.Der Consensus of opinion ist aber doch auffallend. Wenn man einen ver-borgenen Gegner hat, den man nicht fassen kann, so wäre natürlich nichtsungeschickter, als wollte man ihn in der Öffentlichkeit oder in der Pressebrandmarken. Es würde ihn dies nur um so bissiger, giftiger und vorsich-tiger machen. Sich nichts merken lassen, beobachten, auf der Hut sein undabwarten, bis man ihn mit etwas Tatsächlichem am Wickel hat, ist hier dasrichtige Rezept. Bei dem Intrigenspiele gegen das Deutsche Reich muß auchdie Botschaft herhalten. Es amüsiert mich, zu erfahren, wie ich das eine