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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Seite
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IN DER LOGE EDUARDS VII.

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Mal als gefährlicher Mensch hingestellt werde, der den armen Lansdowneund das Foreign Office stets übers Ohr haut, das andere Mal als ein unver-söhnlicher Anglophobe geschildert werde, der nur auf den Ruin Englands sinnt. Aber leider wird auch aus dem eigenen Lager die Botschaft nichtunbehelligt gelassen. Was mich selbst betrifft, so ist es mir gänzlich gleich-gültig, was man über mich sagt. Ich kann mich schon wehren, wenn es derMühe wert ist wenn aber ein früheres Mitglied der Botschaft, lediglichaus Unmut über geknickte, weitgehende Hoffnungen, die außer ihm selbstvon niemandem geteilt wurden, die Stellung der jüngeren Botschafts-mitglieder unter Ausnutzung seiner persönlichen gesellschaftlichen Be-ziehungen zu diskreditieren sucht, so ist das ein unpatriotisches Vorgehen,das selbst gekränkte Eitelkeit und seine übertriebene Meinung von dereigenen Wichtigkeit nicht rechtfertigen kann. Über Viktor Eulenburg, dersich hier in überraschend kurzer Zeit eine vorzügliche Stellung erworbenhat, wird ausgestreut, daß er bei den Engländern sehr unpopulär und zudem Zweck hierhergeschickt worden sei, um als eine Art gesellschaftlicherSpion Seiner Majestät über den tagtäglichen Klatsch aus London zuberichten. Da diese Geschichte hier die Runde macht, so bin ich ihr nach-gegangen und habe wenigstens die eine Hälfte auf ihren Urheber fest-genagelt. Von einem absolut zuverlässigen Ohrenzeugen ist mir folgendekleine Szene geschildert worden: König Eduard im Hintergrunde seinerBox in der Oper, eine Zigarette rauchend, in Begleitung eines ihm befreun-deten Herrn, der mir die Sache erzählt hat. Unter vielen Verbeugungen undHändereiben tritt unaufgefordert herein Alfred Rothschild, der sich nachdem Befinden des hohen Herrn und dem Verlauf der Kieler Reise untermannigfacher Fragestellung erkundigt, unter anderm auch danach, wieS. M. der Kaiser den Ostasiatischen Krieg beurteile, worauf der Königkurze und ausweichende Antworten erteilt. A. Rothschild erwähnt dann,daß ein neuer Sekretär, Graf Eulenburg, bei der deutschen Botschaft sei,der sich allgemein unpopulär hier mache, wie er höre. Der König sagt,davon wisse er nichts. In Kiel habe sich der junge Eulenburg im Gegenteilrecht nützlich erwiesen (er hatte dort mit den Herren des Gefolges kleineOrdensangelegenheiten in meinem Auftrage zu besprechen). Befragt,erklärt A. Rothschild, Eckardstein habe ihm gesagt, daß Eulenburg hiersehr unpopulär sei. Der andere Herr greift nun in die Unterhaltung ein undbemerkt, das sei gar nicht der Fall, Eulenburg gefalle hier im Gegenteil rechtgut, sei ein sehr angenehmer Mensch, und Eckardstein erzähle so etwasnur aus Pik gegen die deutsche Botschaft, weil er nicht mehr dazu gehöreund selber hätte Botschafter werden wollen. Darauf der König: ,Goodheavens no, that would never do!' Alfred Rothschild, still und perplex,bemerkt zu spät, daß er seinem Freunde und Günstling Eckardstein einen