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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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TRÜFFEL GRAB, WOLKENSCHIEBER, SEMMELAFFE

schlechten Dienst erwiesen hatte. Ob Eckardstein auch die Historie von dergeheimen Berichterstattung an Seine Majestät kolportiert hat, kann ichnicht sagen. Da aber beide Geschichten immer zugleich erzählt werden, soist es naheliegend, daß sie auch denselben Urheber haben können. Ich darfwohl darauf rechnen, daß Sie dafür sorgen, daß die private Äußerung in derOpera box nicht an Eckardstein oder A. Rothschild zurückgelangt, beson-ders da letzterer sich uns häufig als nützlich und als Freund erwiesen hat,mit dem ich auch persönlich die besten Beziehungen pflege."

Ich muß meinerseits diesem Brief unseres Botschafters in London einenkurzen Kommentar beifügen. Der Marquis Soveral hatte als erster Sekretärder portugiesischen Gesandtschaft in Berlin , unter dem alten Regime, inder Berliner Gesellschaft der achtziger Jahre eine gewisse Rolle gespielt.Er war allgemein beliebt, ein häufiger Gast bei den Liebesmahlen der Garde-kürassiere und Gardeulanen, ein großer Ladies-man. Der alte Kaiser, derwie seine ganze Generation Leute mit weltmännischen Allüren und ins-besondere elegante Kurmacher gern mochte, hatte Soveral wiederholtausgezeichnet. Der Berliner Witz hat sich seit jeher darin gefallen, bekann-ten Leuten Spitznamen zu geben. Der Hofmarschall des Prinzen Karl,Graf Gerhard Dönhoff, ein berühmter Gourmand, wurde das Trüffelgrabgenannt. Ich habe gelegentlich erzählt, daß mein Großonkel, der Oberst-kämmerer Graf Wilhelm Redern, wegen seiner steifen Gangart und weil erdie Nase hoch trug, der Wolkenschieber, sein Bruder, der Obergewand-kämmerer Graf Heinrich Redern, der nicht gerade mit viel Geist, aber miteinem auffällig großen Mund begabt war, der Semmelaffe hieß. Soveralnannte man wegen seiner südländisch blauschwarzen Haare denblauenAffen". Das neue Regime, das 1888 begann, war leider weniger taktvoll alsdas alte. Wilhelm II. gefiel sich darin, den Marquis Soveral nicht nur imGespräch mit anderen denblauen Affen" zu nennen, sondern ihn mitun-ter, wenn auch nur in der Form eines jovialen Scherzes, als solchen anzu-reden. Das war nicht nur geschmacklos, es war auch ungeschickt. AlsGesandter nach London versetzt, wurde Soveral sehr bald ein Günstlingund Freund des Königs Eduard und der Königin Alexandra und ein Lieb-ling der Londoner Gesellschaft mit großem sozialem, nicht geringem politi-schem Einfluß. Von dem berühmten englischen Seemann Sir WalterRaleigh wird erzählt, daß er einmal, als die Königin Elisabeth von England an einem Regentag vor ihrem Palast aus ihrem Wagen aussteigen wollte,seinen kostbaren Mantel vor ihr ausgebreitet habe, damit sie ihre weißenAtlasschuhe nicht beschmutze. Soveral soll denselben Akt heroischerGalanterie gegenüber einer schönen Botschafterin vollzogen haben. Schondaß solche Anekdoten über ihn erzählt wurden, machte ihn den Lon-doner Upper ten thousand interessant. Meine Bemühungen, den Kaiser