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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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Wilhelm II. dahin zu bringen, den Marquis Soveral, mit dem ich persönlichseit jeher,gut stand, durch Liebenswürdigkeit wiederzugewinnen, bliebenebenso erfolglos wie mein jahrelanges Bestreben, Seine Majestät freund-licher für die Japaner zu stimmen.

Graf Benckendorff war deutschen Ursprungs. Die Karriere seinerFamilie war bezeichnend für altrussische Verhältnisse. Sie bewies, daß DieKaiser Paul I. nicht unrecht hatte, als er dem englischen Botschafter, der Benchvor ihm einen Fürsten Dolgoruky einen Grandseigneur nannte, zornig dor -ff $anfuhr:Sachez, Monsieur, que dans mon pays on n'est grandseigneur quequand je parle ä quelqu'un et pendant que je parle ä quelqu'un." DieGemahlin ebendieses Kaisers Paul, die Kaiserin Maria Feodorowna, einewürttembergische Prinzeß, suchte nach einer zuverlässigen Gouvernantefür ihre Kinder. Scbon im Hinblick auf ihren launenhaften und unberechen-baren Gatten war diese Frage für sie von Wichtigkeit. Ein ehemaliger rus-sischer Gouverneur der baltischen Provinzen lenkte die Aufmerksamkeitder Kaiserin auf die wohlerzogene Tochter eines Artilleriemajors aus Riga namens Benkendorf . Vater und Tochter gehörten nicht dem alten baltischenAdel an, waren auch nicht mit der märkischen Familie BeneckendorfF-Hindenburg verwandt, welcher der ruhmvolle Generalfeldmarschall ent-sproß. Fräulein Benkendorf aus Riga machte sich gut als Erzieherin derkaiserlichen Kinder, die ihr stets ein dankbares Andenken bewahrten. Sieselbst wurde mit einem Herrn von Lieven aus gutem baltischem Adel ver-mählt, der dank seiner Frau Botschafter in London und Fürst wurde. Siekonnte auch für die Karriere ihrer Brüder sorgen. Sagt doch Mephisto vondem Floh, den der König liebt, daß auch seine Geschwister bei Hofe baldgroße Herren wurden. Ein Benckendorff (das feudal klingendec" setztedie Familie später vor dask" in ihrem Namen und verdoppelte dasf"am Schluß) wurde unter Kaiser Nikolaus Chef der Dritten Abteilung, d. h.der geheimen politischen Polizei, damals der wichtigste Posten im russischenReich. Ein anderer heiratete die Tochter des russischen Gesandten in Berlin ,Alopeus, der auch ein Glücksritter war, eigenthch Fuchs hieß und es vomKandidaten der Theologie zum Baron und russischen Gesandten in Berlin brachte. Mancher Deutsche hat im siebzehnten, auch noch im achtzehntenund neunzehnten Jahrhundert in Rußland Fortüne gemacht. Ich erinnerean Cancrin, der als Sohn des Professors Krebs in Hanau zur Welt gekommenwar und in Rußland unter Kaiser Nikolaus I. vom kleinen Angestellten imSalzwerk von Staraja Russa allmählich bis zum vieljährigen Finanzministerund Grafen Cancrin avancierte, an Brunnow, der vom Hauslehrer zum Bot-schafter in London emporstieg, an die nach Rußland ausgewanderten Söhneund Enkel des von dem schwärmerischen Studenten Sand ermordeten Lust-spieldichters Kotzebue, die Generäle, Admiräle, Gesandte und General -