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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE KAPPS

Kanzler, zusammen einzusperren, damit sie möglichst rasch zu einemfür beide Teile befriedigenden Ergebnis gelangten. In einem Gefängnisbrauchten sie sich j a nicht gerade zu begegnen, Witte möge nach Norderney kommen, wo der deutsche Kanzler die heißen Monate zu verleben pflegeund wo die gute Seeluft auch Sergej Juljewitsch neue Spannkraft verleihenwürde. Die Antwort des Zaren lautete freundlich und zustimmend.

Im Laufe des Juli traf Witte in Norderney ein. Er hatte einen großenWitte in Stab von Beamten mitgebracht, darunter den früheren russischen Finanz-Norderney a ttache in Berlin und späteren Handelsminister Timiriaseff, der ein guterMusiker und schlauer Unterhändler war. Ich hatte eine größere Anzahlleitender Beamten nach der Nordseeinsel zitiert, unter ihnen Posadowsky,Podbielski, Wermuth, Körner und eine Reihe vortrefflicher HUfskräfte,darunter Kapp und Göbel. Wolfgang Kapp war in New York geboren, alsSohn eines Westfalen, der als Vierundzwanzigj ähriger im September 1848zu den revolutionären Sturmgesellen gehört hatte, die versuchten, dieNationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche mit Waffengewaltzu sprengen. Er mußte deshalb sein Vaterland verlassen, blieb aber auchin Amerika ein guter Deutscher und kehrte 1870 nach Deutschland zurück. Er hat ein vortreffliches Buch über den schmählichen Sol-datenhandel deutscher Kleinfürsten geschrieben. Der Sohn Kapp tratjung als Hilfsarbeiter ins Preußische Finanzministerium ein und wurdedann Landrat des Kreises Guben , wo er als ultrakonservativer Parteimannauftrat und in beständiger Fehde mit dem Vertreter des Kreises, dem liberalgerichteten Prinzen Heinrich Carolath , lebte, obwohl der letztere einehebenswürdige, aber weiche Natur war, weswegen er auch den SpitznamenButter-Heinrich" führte. 1900 wurde Wolfgang Kapp Vortragender Ratim Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten,als dessen Kommissar er bei den Handelsvertragsverhandlungen in Norder-ney 1904 fungierte. Er war ein hervorragend fleißiger und tüchtiger Beamter,von durchaus ehrenhaftem Charakter, ein Patriot und ein Idealist, aber esfehlte ihm die Einsicht in die Grenzen seiner bescheidenen Fähigkeiten wieder Überblick über größere Verhältnisse und die allgemeine Lage. Alsselbsternannter Reichskanzler während des Putsches vom Frühjahr 1920war er eine tragikomische Figur und erinnerte halb an den General ClaudeFrancois de Mallet, der sich im Oktober 1812, unmittelbar nachdemNapoleon das brennende Moskau geräumt hatte, zum Gouverneur vonParis proklamierte und sich für vierundzwanzig Stunden der Gewaltbemächtigte, halb an den Hauptmann von Köpenick. Dem bescheidenenKommissar, der in Norderney in respektvoller Entfernung seinem Chef,dem jovialen Podbielski, zu den Sitzungen folgte, war seine bewegte Zu-kunft nicht anzusehen, in die ihn letzten Endes wohl die kleinlichen und