WITTE ÜBER SEINE ENTLASSUNG
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gehässigen Angriffe getrieben haben, die später von der Höhe seiner Reichs-kanzlerstellung in offener Reichstagssitzung Bethmann Hollweg währenddes Weltkrieges gegen den inzwischen zum Generallandschaftsdirektor inKönigsberg gewählten Kapp richtete, den er dadurch um Amt und Brotbrachte.
In Norderney setzte ich mich von vornherein mit Witte auf den Fuß,daß ich ihn bat, abends bei uns in unserer Villa zu essen. An das Dinerschloß sich dann gewöhnlich eine gemütliche, manchmal zwei und selbstauch drei Stunden dauernde Plauderei. Witte sprach ungeniert über alles,was die erste Voraussetzung ist, bei häufigerem Zusammensein nicht lang-weilig zu wirken. Er war bei seinem Monarchen in Ungnade gefallen undgrollte ihm. Er liebte auch die Kaiserin Alexandra Feodorowna nicht, die erbeschuldigte, ihren Gemahl gegen ihn aufgestachelt zu haben. Sie hätte sichhierzu des bewährten Mittels bedient, demZaren zu sagen, die PetersburgerGesellschaft wäre davon überzeugt, daß er eine Marionette in den Händenvon Witte wäre. Die Kaiserin hätte sogar eine kleine Karikatur gezeichnet,die Witte mit seiner massigen Figur und seinen eher groben Gesichtszügendarstellte, wie er einen kleinen Hampelmann in der Hand hielt, der diefeinen Züge des angeblichen Selbstherrschers trug. Mit gutem Humorschilderte Witte, wie die montenegrinischen Großfürstinnen es anfingen, mitHilfe eines französischen Spiritisten, eines Monsieur Philippe, die Zarinund den Zaren in ihr Garn zu ziehen. Der Spiritist Heß den Geist des KaisersAlexander III. erscheinen. Gefragt, welche Ratschläge er dem Sohn zu gebenhabe, mahnte der Geist zu treuem Festhalten an dem Vermächtnis desVaters und insbesondere an dem Bündnis mit Frankreich . Schließlich aberrief er mit Grabesstimme dem erschrockenen Sohn zu: „Et, surtout,n'oublie pas de donner beaucoup d'argent au Prince de Montenegro, monmeilleur ami." Ich nahm mir vor, meinerseits dafür zu sorgen, daß an unse-rem Hofe und in der hellen Berliner Luft solches Blend- und Zauberwerknicht um sich greife. Seine Entlassung schilderte mir Witte folgender-maßen : „Als ich meinen üblichen Vortrag, den Daklod, wie wir auf rus-sisch sagen, an dem festgesetzten Tage beendet hatte, sah der KaiserNikolaus einige Zeit verlegen vor sich auf seinen Schreibtisch. Dann sagteer mir mit sanfter Stimme, ohne mich anzusehen, er habe den Eindruck,daß meine Gesundheit in der letzten Zeit gelitten hätte, er wolle nicht, daßich mich überarbeite. Deshalb enthebe er mich meines Postens als Finanz-minister und ernenne mich zum Vorsitzenden des Minister-Konseils." Wittefuhr fort, wobei dem heftigen Mann der Zorn noch nachträglich die Backenrötete: „Da verlor ich die Geduld. So viel Falschheit und Heuchelei empör-ten mich. Ich sagte dem Kaiser: ,Ich verstehe nicht, warum Sie eine solcheKomödie mit mir aufführen. Die Stellung des Präsidenten des Minister-