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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Seite
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WITTE KEIN SLAWOPHILE

komitees ist ja in Rußland eine reine Sinekure. Ebensogut hätten Sie michnach dem Kaukasus oder nach Sibirien verschicken können'." Nach einerkleinen Pause fügte Witte nicht ohne eine gewisse Rührung in der Stimmehinzu:Nun werden Sie sehen, daß der Kaiser auch wieder gute Seiten hat.Am selben Abend schickte er mir ein dickes Kuvert, in dem 400000 Rubelwaren." Witte war augenscheinlich stolz auf dieses Schmerzensgeld.

Witte war ein überzeugter Anhänger guter Beziehungen zwischen seinemVaterland und Deutschland . Nicht als ob er besondere Sympathien für dieDeutschen empfunden hätte. Er zog Paris als Stadt Berlin vor, die Fran-zosen gefielen ihm persönlich besser als die Deutschen , die Engländer undAmerikaner imponierten ihm in höherem Grade. Aber er war überzeugt,daß von der Aufrechterhaltung des Friedens und guter Beziehungen zwi-schen Deutschland und Rußland das Schicksal des russischen Kaiserhausesabhing, und bei aller Ranküne gegen den derzeitigen Zaren und obschonnicht ohne gelegentliche liberale Anwandlungen, war er durchaus mon-archisch gesinnt. Er war schon 1904 der Meinung, daß der Sturz der Mon-archie in Rußland das Signal für Anarchie, Elend, Ruin und Zerrüttungdes Riesenreichs bedeuten würde. Ähnlich wie mancher andere russischeStaatsmann mißbilligte und verachtete Witte die slawophile Schwärmereifür die Balkanvölker, die Rußland seine Blut- und Geldopfer, alle, ohneAusnahme, die Serben früher, die Bulgaren später, die Griechen undRumänen bei jeder Gelegenheit, mit schnödem Undank gelohnt hätten.Rußland brauche keine Vergrößerung, es sei eher zu umfangreich. Nichtnur in Sibirien und in Turkestan , auch im Kaukasus und selbst im euro-päischen Rußland warteten ungeheure Flächen darauf, bebaut und kul-tiviert zu werden, wären noch unermeßliche Bodenschätze zu heben. DerBesitz von Konstantinopel würde für Rußland ein zweifelhaftes Glück sein.Kaiser Nikolaus I. habe einmal an den Rand eines Berichts, in dem gesagtworden war, das orthodoxe Kreuz müsse wieder auf der Sophienkirche auf-gepflanzt werden, mit fester Hand geschrieben:In der Theorie ist dasschön und gut, aber in Wirklichkeit wäre der Besitz von Konstantinopelkein Glück für Rußland , eher ein Moment der Schwäche als der Stärke.Wollen wir drei Hauptstädte haben ? Petersburg, die Schöpfung des größtenrussischen Kaisers, das wir doch nicht aufgeben können, das heilige Mütter-chen Moskau , das wir noch weniger aufgeben können, und endbch Byzanz ?"Witte war erst recht mit Entschiedenheit gegen jede Gebietserweiterung desrussischen Reichs in Europa. Ostpreußen? Rußland habe schon genugDeutsche. Posen? Rußland habe schon genug Polen. Galizien? Rußland habe schon genug Juden. Der Hauptgrund aber, aus dem Witte ein Ver-treter des Friedens und der Eintracht mit dem deutschen Nachbar war,lag in seiner felsenfesten Uberzeugung, der er, wie ich höre, bis zum letzten