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DER UNTERSTAATSSEKRETÄR WERMUTH
Fußes auf seinen Stiefel warnte und zurückzuhalten suchte, in einem sehrmangelhaften Französisch erklärte: Wo die Russen in der Gebelaune zusein schienen, müßten die Deutschen noch vier oder fünf andere Wünschezur Sprache bringen, die den russischen Zugeständnissen erst ihren vollenWert verleihen würden. Witte erwiderte kühl: „ J'ai voulu vous faire plaisir,mais comme vous semblez mal comprendre mes mobiles et mes intentions,je retire ce que j'ai dit." Der Unterstaatssekretär Wermuth war ein arbeits-freudiger und kenntnisreicher, aber nicht gerade feinfühliger Beamter. Erwar der Sohn eines ehemaligen Polizeipräsidenten des Königs Georg vonHannover , eines Beamten, der sich durch sein reaktionäres Verhalten in denletzten Jahren vor der Katastrophe von 1866 sehr verhaßt gemacht hatte,aber vielleicht gerade deshalb von dem blinden König geschätzt wurde.Damals sangen die Straßenjungen von Hannover :
Du hast den groben Tschirnitz,
Hast Liebig, den süßen Friseur,
Du hast den bitteren Wermuth,
Mein Georgie, was willst du noch mehr?
Tschirnitz war ein ob seines rauhen Wesens gefürchteter General-adjutant, Liebig der besondere Günstling des letzten Königs von Hannover .Der Sohn Wermuth war, als er mir bei den Handelsvertragsverhandlungenzur Seite stand, ausgesprochen agrarisch und ängstlich bemüht, nicht beiden Konservativen anzustoßen, vor denen ihm sehr bange war. Ich hättedamals nicht geglaubt, daß er sich in späteren Jahren als Oberbürgermeistervon Berlin auf das beste nicht nur mit den Mehrheitssozialisten, sondernauch mit den Unabhängigen und Kommunisten im Roten Hause in derKönigstraße verstehen würde.
Eine wackere Stütze war mir der Direktor der handelspolitischen Ab-teilung im Auswärtigen Amt , der Geheime Rat Körner. Sein Vater hattein der alten Zeit im sächsischen Finanzministerium die Zollfragen be-arbeitet, und man sagte von dem Sohn, daß er unter Tabellen und Zoll-verordnungen aufgewachsen wäre wie andere Kinder zwischen Schaukel-pferden und Baukästen. Seine Tüchtigkeit und sein Wissen imponiertenWitte, dem auch sein Auftreten und sein Wesen gefielen. Bei der Dis-kussion einer nicht unwichtigen Zollposition, die für die Chemnitzer Industrie von Bedeutung war, sagte Witte: „Je vous cede cette positionpour faire plaisir ä Mr. Körner cpii est Saxon." Als einundzwanzig Jahrespäter die deutsche Republik Zollverhandlungen mit Sowjet-Rußland einzu-leiten wünschte, konnte sie nichts Klügeres tun, als an die Autorität dieseshervorragenden Beamten des alten Systems zu appellieren und ihn zu bitten,die Verhandlungen mit dem neuen Rußland zu führen.