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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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DIE BOMBE FÜR PLEHWE

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Kaiser Wilhelm , dem ich melden konnte, daß die Verhandlungen mitWitte zum Abschluß gekommen seien, richtete an mich das nachstehendeTelegramm:Ihre Meldung hat Mich mit hoher Befriedigung und herz-licher Freude erfüllt. Nach jahrelanger mühevoller, dorniger Arbeit istIhnen das große Werk gelungen, dank Ihrer nie erlahmenden Arbeitskraftund aufopfernden Hingabe. Möge unser Volk und Vaterland sich zu vollerWürdigung dessen, was Sie ihm errungen haben, durch die Unterzeichnungdes Handelsvertrages emporarbeiten und Ihnen ebenso warmen und rück-haltlosen Dank zollen, wie Ich es jetzt schon tue. Genießen Sie nun IhreFerien in verdienter Ruhe."

Für einige Tage nach Berlin zurückgekehrt, wo ich Geschäfte zu erledigenhatte, begegnete ich bei einem Morgenritt im Tiergarten meinem Freund PlchwesWitte, der mir schon von weitem in freudiger Erregung zurief:Une bonne Ermordungnouvelle! Plehwe vient d'etre assassine!" Der russische Minister des Innern,Herr von Plehwe, ein Gegner Wittes, war am 28. Juli auf einer Fahrt nachdem Warschauer Bahnhof von einem Anarchisten mittels einer Spreng-bombe getötet worden. Plehwe war einer jener Deutschrussen, die, vielleichtweniger grausam als die Nationalrussen, sich doch durch ihre methodischeHärte und Strenge noch verhaßter als diese machten. Er war ein Typus,wie man ihn seit Peter dem Großen in Rußland häufig gesehen hatte.Sohn eines verarmten ostpreußischen Gutsbesitzers, war er als Kind mitseinem Vater nach Russisch-Polen gekommen, wo dieser, der in seiner Hei-mat auf keinen grünen Zweig kommen konnte, sich ein kleines Gut gekaufthatte. Der junge Plehwe wurde dort zum Polen erzogen. Später siedelte derVater nach dem inneren Rußland über, wo der Sohn sich ebenso rasch auseinem Polen in einen Russen verwandelte wie früher aus einem Deutschenin einen Polen . Der ehrliche Wilhelm Plehwe war bald ein polnischerVaclav geworden. Mit der gleichen Fixigkeit und Unbefangenheit ent-wickelte er sich etwas später aus einem Vaclav zu einem russischenWjatscheslaw. Plehwe hatte eine ungewöhnliche Arbeitskraft, eine eiserneFaust, einen unbeugsamen Willen und hohen persönlichen Mut. Beständigvon Bomben und Kugeln bedroht, fuhr er in einem gepanzerten Wagenund bestimmte erst im letzten Augenblick beim Einsteigen das Ziel derFahrt. Trotzdem galt er für einen gezeichneten Baum. Jedermann warüberzeugt, daß er früher oder später in die Luft gesprengt werden würde.Er hatte der Frau eines französischen Militärattaches eine große Leiden-schaft eingeflößt. In hysterischer, beinahe pathologischer Weise behauptetesie, daß mit dem von ihr heiß gehebten Mann gemeinsam in Todesgefahrzu schweben für sie der höchste Genuß wäre. An dem Tage, wo Plehwe dieSprengbombe traf, war sie zufälligerweise nicht mit ihm im Wagen.Vierzehn Tage nach der Ermordung von Plehwe wurde Kaiser Nikolaus II.