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EIN PRÄTENDENT
es sei für Sohn und Vater Bismarck kein Glück gewesen, daß Herbert dieSukzession seines Vaters angestrebt habe. Stirum fügte hinzu: „DemFürsten dies auszureden, wäre freilich niemand imstande gewesen außerseiner Frau, und die war zu vernarrt in Herbert, um das übers Herz zubringen." Es ist bezeichnend für die geniale Unbefangenheit des großenKanzlers, daß er trotz des Wunsches, einmal das Kanzleramt an Herbert zuhinterlassen, sich über dessen Fehler und Schwächen keine Illusionenmachte. Ich habe ihn selbst sagen hören: „Herbert ist mit noch nichtvierzig Jahren unbelehrbar und eingebildeter, als ich es mit über siebzigJahren und nach einigen Erfolgen bin." Er sagte auch zu dem Unterstaats-sekretär Busch, der die Arbeitskraft des neuen Staatssekretärs HerbertBismarck rühmte: „Sie brauchen ihn mir gar nicht zu loben. Ich würde ihnauch zum Staatssekretär gemacht haben, wenn er alle jene Eigenschaften,die Sie an ihm preisen, gar nicht besäße, denn ich will neben mir einenMann haben, auf den ich mich absolut verlassen kann und der mir ganzbequem ist. In meinem hohen Alter und nachdem ich mich im königlichenDienst verbraucht und verzehrt habe, darf ich das wohl beanspruchen."Ähnlich äußerte er sich nach seinem Sturz gegenüber dem ihm nahestehen-den freikonservativen Abgeordneten Wilhelm von Kardorff .
Bei den außerordentlich diskreten Dingen, die er im Auswärtigen Amt und als Reichskanzler zu behandeln gehabt hätte, wäre es für ihn sehr ver-führerisch gewesen, sich im gegebenen Fall keiner anderen Beihüfe als derseines Sohnes bedienen zu dürfen. Der Gedanke, Herbert zu seinem Nach-folger zu machen, ist bei dem großen Fürsten erst in den allerletzten Jahrenvor seinem Sturz hervorgetreten. Würde Herbert ein guter Reichskanzlerfür Wilhelm II. gewesen sein ? Bei aller Freundschaft für Herbert kann ichdiese Frage nicht bejahen. Ich glaube, daß die Verbindung Wilhelm II. -Herbert Bismarck gefährlich gewesen wäre. Gewiß besaß Herbert vielmehr politische Routine und eine weit größere politische Begabung alsCaprivi oder gar Bethmann und Michaelis. Aber obwohl an Ernst für dieGeschäfte, an Fleiß wie an politischem Scharfblick Wilhelm II. überlegen,besaß er manche Fehler des letzteren. Er hatte mehr Energie und mehrMut als Wilhelm II. , aber er war dafür leichter geneigt, mit dem Kopf durchdie Wand zu gehen. Er verstand es nicht, vor einem Hindernis abzubiegen,er konnte sich nicht wieder fangen, wie der Terminus technicus seinesVaters lautete. Er war oft zu heftig, zuweilen eigensinnig, bisweilen brutal.Und doch werde ich niemals die Stunde vergessen, wo ich, vorbei an demBalkon des schlichten Hauses im Sachsenwald, von dem Fürst Bismarck oft zu seinen Verehrern und über sie weg zur Nation gesprochen hatte,vorbei an dem Hirsch, der mit seinem mächtigen Geweih die ihn anfallendenHunde verscheucht, die sterbliche Hülle von Herbert Bismarck zur letzten