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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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ICH LASSE DAS MILITÄR NICHT VEREIDIGEN!"

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des Biester-felders

Ruhe in das Mausoleum geleitete, wo sein großer Vater ruht. Nehmt allesnur in allem, er war ein Mann, mit seinen Fehlern und mit seinen Tugenden.Er war eine achilleische Natur, und wie dem Peliden war ihm kein langesLeben beschieden. Über den Tod von Herbert Bismarck schrieb mir PhilippEulenburg :Der Tod Herbert Bismarcks hat auch bei mir eine Welt vonErinnerungen wachgerufen! Welch ein armer Mensch! Das innerlicheLeben zu Bitterkeit und unbefriedigtem Erdenhoffen zusammengetrocknet.Wie wenig Liebe gab er, und wie wenig empfing er. Ich habe ihn einst sehrgern gehabt. Sein Leben war wie eine leuchtende Rakete, die wir so schnellaufsteigen sehen und die vor uns plötzlich in einzelnen verglimmendenTeilen im Dunkel verschwindet. Daß ich ihn überleben würde, habe ichniemals für möglich gehalten. Du hast durch den Tod dieses Unzufriedenen,der um seine Träume mit immer leidenschaftlicherer Energie kämpfte, jemehr die Jahre seines Lebens den Zenit überschritten, gewonnen. Dubeklagst seinen Tod, weil Du ein guter Mensch bist."

Während der Heimgang des Fürsten Herbert Bismarck vor der Nationwieder die gewaltige Gestalt seines Vaters erstehen ließ, war die an sich un- Wilhelm II. beträchtliche Erbschafts - und Regentschaftsfrage in Lippe-Detmold durch an den So,lnden Tod des Regenten von Lippe , des Grafen Ernst zu Lippe-Biesterfeld,wieder einmal aufgerollt worden. Der Kaiser richtete aus Rominten an denGrafen Leopold von Lippe , der ihm den Heimgang seines Vaters in derrespektvollsten Form gemeldet hatte, das nachstehende Telegramm:Ichspreche Ihnen mein Beileid zum Ableben Ihres Herrn Vaters aus. Da dieRechtslage in keiner Weise geklärt ist, kann Ich die Regentschaftsüber-nahme Ihrerseits nicht anerkennen. Ich lasse auch das Militär nicht ver-eidigen." Der Kaiser hatte dieses Telegramm unmittelbar nach dem Ein-gang der Meldung des Grafen Leopold und ohne Rückfrage bei mir abge-sandt, obwohl ich ihn immer wieder ersucht hatte, diese an und für sichkleine und kleinliche Angelegenheit nicht durch die Art und Weise, wie ersie behandelte oder, richtiger gesagt, mißhandelte, zu einer größeren undfür die innere Ruhe des Reichs nicht unbedenklichen Frage aufzubauschen.Das scharfe Telegramm des Kaisers an den Sohn, in dem Augenblick, wodieser um seinen Vater trauerte, machte nicht nur an fast allen deutschenHöfen, sondern in den weitesten Kreisen des deutschen Volks einen sehrungünstigen Eindruck. Das kleine Land stellte sich hinter den GrafenLeopold. Der Vizepräsident des Lippeschen Landtages, der Kommerzien-rat Hoffmann, erschien bei mir in Homburg v. d. H., wo ich mich geradeaufhielt, um mir die Erregung zu schildern, die in seiner Heimat herrsche.Der Kaiser antwortete auf meine Telegramme, in denen ich zu größererVorsicht riet, mit dem von ihm immer wieder ins Feld geführten Argumentder vollen Ebenbürtigkeit als der Grundlage deutscher Fürsten - und somit