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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
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IN LIPPE ALLES AUF DER KIPPE"

deutscher Reichsherrlichkeit. An den Rand der ihm von mir vorgelegtenZeitungsartikel, die seine Romintener Depesche heftig tadelten, schrieb erkleine Scherze, mit besonderer VorliebeIn Lippe steht alles auf derKippe" und ähnliche jokose Marginalien.

Gegenüber dieser Sachlage richtete ich an den Vizepräsidenten Hoff-mann ohne vorherige nochmalige Anfrage bei Seiner Majestät das nach-stehende Schreiben:Geehrter Herr Kommerzienrat! Sie haben michheute mündlich um eine authentische Interpretation des TelegrammsSeiner Majestät des Kaisers und Königs vom 26. v. M. gebeten. Ich bingern bereit, Ihnen meine Antwort schriftlich zu bestätigen, und ermächtigeSie, unter Rerufung auf mich öffentlich zu erklären, daß Seine Majestät derKaiser mit diesem Telegramm lediglich bezweckt hat, die vorläufige Nicht-vereidigung der Truppen für den Regenten und den Grund derselben mit-zuteilen. Mit der Auffassung des Bundesrates, daß die Rechtslage nochungeklärt sei, konnte Seine Majestät sich nicht in Widerspruch setzen.Jeder Eingriff in die verfassungsmäßigen Rechte des Fürstentums hatSeiner Majestät dem Kaiser selbstverständlich ferngelegen, und insbe-sondere liegt es außerhalb Allerhöchstseiner Absicht, der derzeitigen Aus-übung der Regentschaft im Fürstentum durch den Herrn Grafen Leopoldzu Lippe irgendwelches Hindernis zu bereiten. Wie stets im Reiche wirdauch im vorliegenden Falle der Rechtsboden nicht verlassen werden, unddie Lippesche Frage wird ihre Erledigung ausschließlich nach Rechtsgrund-sätzen finden. Ich hoffe, daß es unter den Auspizien des Bundesrats baldgebngen wird, auf schiedsrichterlichem Wege zum Wohle des LippeschenLandes zu einer endgültigen Lösung der Frage zu gelangen, und werde dasmeinige tun, um dieses Ziel in möglichst kurzer Zeit zu erreichen. In vor-züglicher Hochachtung Graf von Bülow, Reichskanzler." Ich ließ diesesSchreiben sogleich durch Wolff verbreiten und übersandte es ohne weiterenKommentar an Seine Majestät. Der Kaiser hatte mir unmittelbar nach demEingang der Nachricht vom Tode des Grafen Ernst kurz und bündig tele-graphiert :Biesterfelder ist tot. Ich erkenne selbstverständlich den Sohnnicht an." Nachdem er von meinem Schreiben an Hoffmann Kenntnis er-halten hatte, telegraphierte mir Seine Majestät in direktem Gegensatz zuseiner früheren Willensmeinung:Mit allem einverstanden. Bin erstauntüber die fabelhaft malveillante und absichtliche Verdrehung, mit der Meingänzlich harmloses, streng geschäftliches Telegramm wieder gegen besseresWissen verdreht worden ist. Ihre Antwort an Hoffmann entspricht wörtlichMeinen Ansichten, die eigentlich sich klar daraus lesen lassen. Diese Wirt-schaft nenne ich chercher midi ä quatorze heures." Nach Berlin zurück-gekehrt, setzte ich eine Sitzung des Bundesrats an, in der ich der hohenVersammlung darlegen konnte, daß die leidige Lippesche Sireitfrage