DIE MEERENGEN
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höchstderselbe sich für den Fall veranlaßt sehen könnte, daß die verbitterteStimmung Englands gegen uns und namentlich die anscheinend immerernstlicher erwogene Absicht, der weiteren Entwicklung der KaiserlichenMarine entgegenzutreten, sich zu konkreten Handlungen verdichtensollten, die unsererseits als unfreundliche Akte aufgefaßt werden müßten.Seine Majestät würden es in derartigem Falle für unabweisbar erachten,den unerhörten britischen Anmaßungen mit bewaffneter Hand Halt zugebieten und feindseligen Unternehmungen gegen unsere Nord- und Ostsee-küsten durch schleunige und umfassende militärische Maßnahmen vorzu-beugen. Dabei würden Seine Majestät nicht umhinkönnen, die bislanggeübte und nicht überall nach Gebühr gewürdigte Rücksicht auf große undkleine Nachbarn beiseitezusetzen und diese vor die binnen kürzesterFrist zu entscheidende Frage zu stellen, ob sie in dem Konflikt unsereFreunde und Bundesgenossen sein oder sich zu unseren Gegnern rechnenwollen. Derartige Sommationen würden in Paris, in Brüssel , im Haag undin Kopenhagen überreicht werden, am letzteren Platze gleichzeitig mit derBesetzung einiger strategisch wichtiger Punkte in und an den dänischenWasserstraßen. Dänemark werde zwar auf seine Neutralität verweisen.Da es zu deren wirksamer Aufrechterhaltung und Verteidigung indessennur kläglich unzulängliche Machtmittel besitze, sei diese wertlos. Überdieswerde sie noch dadurch illusorisch — Seine Majestät betonte diesen Punktbesonders —, daß Dänemark grundsätzlich fremden Kriegsschiffen Lotsenund Durchfahrt der Meerengen gewähre. Meiner Bemerkung, daß Dänemark bei der grundsätzlichen Gestellung von Lotsen sich auf internationale Ver-pflichtungen (SundVerträge), auf eine feststehende Tradition und aufpraktische Notwendigkeiten stütze, begegnete Seine Majestät mit derÄußerung, daß man über derartige Dinge eben hinweggehen müsse. Gegenjedes der vorerwähnten Nachbarländer, so fuhr Seine Majestät fort, dasnicht umgehend und unzweideutig sich für uns entscheide, würde unverzüg-bch mit militärischer Gewalt vorgegangen werden. Der Zeitpunkt, wo einfeindseliger Akt Englands zu erwarten stehe, würde mit dem Moment alseingetreten zu erachten sein, wo es seine Flotte aus dem Mittelmeer nachden heimischen Gewässern ziehe. Auf meine vorsichtige Zwischenfrage,ob nicht mit der Möglichkeit zu rechnen sein dürfte, daß unsere Besetzungdänischen Bodens und Gewässers schließlich Rußland beunruhigen und,vielleicht unter der gleichzeitigen Wirkung fremder Einflüsterungen, vonuns hinwegziehen und England in die Arme treiben könnte, äußerte SeineMajestät, diese Gefahr liege zu einer Zeit nicht nahe, wo der Krieg in Ost-asien im Gange sei und voraussichtlich sich noch Jahre hinziehen werde,wo ferner die alten Gegensätze zwischen Rußland und England durchdes letzteren hinterlistiges Vorgehen in Tibet sowie durch die Art der