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gerichtet, eines Friedens in Ehren und mit Würde. Einen solchen Friedenwünsche und erstrebe ja auch er, der Kaiser. Ein Frieden mit Würde undin Ehren liege im deutschen Interesse, denu die Zeit gehe für uns. Würdenwir angegriffen und sollten unsere Gegner, Franzosen oder Engländer, inBelgien einrücken oder dort Truppen landen, so wären wir selbstverständ-lich berechtigt, auch unsererseits sofort in Belgien einzumarschieren. Aberohne vorhergegangene Verletzung der belgischen Neutralität durch unsereFeinde dürften wir nicht unter Mißachtung der auch von uns unterzeich-neten und feierlich beschworenen Verträge in Belgien einfallen. Zu einem soungeheuren Fehler würde ich nicht die Hand bieten, denn durch ein solchesVerfahren würden wir jene Imponderabilien in die Hand unserer Gegnerbringen, jene unwägbaren Faktoren, die, um mit Bismarck zu reden,schwerer wögen als materielle Werte. Ich wiederholte nochmals, daß wir imKriegsfall nur nicht die ersten sein dürften, weiche die belgische, völker-rechtlich garantierte Neutralität verletzen. Kriege würden im letzten Endenicht allein militärisch gewonnen oder verloren, sondern mindestens eben-sosehr politisch. Napoleon hätte trotz seiner überragenden militärischenGenialität als Gefangener in St. Helena geendigt, Friedrich der Große ,nicht nur Feldherr, sondern auch Staatsmann, wäre auf dem Thron gestor-ben. Unser Gespräch zog sich bis nach Mitternacht hin. Der Kaiser wurdeim Laufe der Unterhaltung nervöser und heftiger, als das sonst mit mirseine Art war. Er ließ halblaut die Äußerung fallen: „Wenn Sie so denken,werde ich mich im Falle eines Krieges nach einem anderen Reichskanzlerumsehen müssen." Ich schied von ihm mit dem Empfinden, daß ich denKaiser zwar nicht ganz überzeugt hätte, daß er aber, solange ich im Amtebliebe, im entscheidenden Moment mir folgen würde, vielleicht wenigeraus Einsicht als aus Vorsicht, in dem ihn damals noch beherrschendenGefühl, daß er mit mir am sichersten fahre.
Ich will diese lange Parenthese nicht schließen, ohne hinzuzufügen, daßsowohl Graf Alfred Schlieffen als dessen Nachfolger Hellmuth Moltkedie Frage eines Durchmarsches durch Belgien gelegentlich und gesprächs-weise mit mir berührt haben. Meine persönlichen Beziehungen zu beidenwaren die besten. Moltke war mein alter und treuer Jugendfreund und istes mir bis zu seinem Tode geblieben. Schlieffen hatte das 1. Gardeulanen-Regiment kommandiert, eines der schönsten Regimenter der Armee, vordessen alter Kaserne in Potsdam jetzt das Denkmal des sterbenden Reiterssteht, das kein guter Preuße ohne Wehmut und tiefe Bewegung betrachtenkann. Zwei meiner Brüder, die späteren Generäle Adolf und Karl UlrichBülow, hatten unter Schlieffen bei diesem Regiment gestanden. Ich ent-sinne mich, daß Schlieffen sich einige Zeit vor meinem Rücktritt, 1904 oder1905, mit mir über die Chancen eines etwaigen Krieges unterhielt. Er führte