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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DER VERKEHRT AUFGESETZTE DRAGONERHELM

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gereizte Ausdruck des Kaisers und die verstörte Miene des Königs auf, dergegen seine Gewohnheit bei Tisch mit der neben ihm sitzenden Kaiserinkaum sprach. Sobald die Tafel aufgehoben war, verließ der König mit demKaiser das Schloß, um zum Bahnhof zu fahren. Der König drückte mir imVorübergehen die Hand mit den leise, aber ernst und bestimmt gesprochenenWorten:L'empereur m'a dit des choses epouvantables. Je compte survotre bonne inßuence, sur votre sagesse et sur votre savoir-faire pour eviterde grands malheurs." Als der Kaiser vom Bahnhof zurückkehrte, frug mich,sichtlich erschrocken, einer der Adjutanten, der ihn begleitet hatte:Washat denn der Belgierkönig ? Es scheint einen Krach gegeben zu haben. DerKönig sah ganz verbiestert aus. Der alte Herr war so sehr aus dem Häuschen,daß er den Helm seines preußischen Dragonerregiments falsch aufgesetzthatte, mit dem Adler nach hinten anstatt nach vom." Der hinzutretendeKaiser entführte mich der Gesellschaft, die er rasch und zerstreut entließ.

Als er mit mir in sein schönes Arbeitszimmer eingetreten war, in demdie Bilder seines Vaters und seines Großvaters, des großen Fürsten Bis-marck und des großen Meisters von Bayreuth, des Zaren und der QueenVictoria friedlich nebeneinander an der Wand hingen, erfolgte ein sehrtemperamentvoller Ausbruch über dieJämmerlichkeit" seinerKollegen".Er habe dem Belgierkönig in denkbar gütigster Weise von seinen stolzenVorgängern, den Burgunder her zögen, gesprochen und hinzugefügt, wennder König wolle, könne er deren Reich wieder errichten und sein Zepterüber Französisch-Flandern, Artois und die Ardennen ausstrecken. DerKönig habe ihn zunächst verständnislosangeglotzt" und schließlichgrin-send" gemeint, daß von so hochfliegenden Plänen weder die belgischenMinister noch die belgischen Kammern etwas wissen wollten.Da verlorich die Geduld", fuhr der Kaiser fort,ich sagte dem König, daß ich einenMonarchen nicht achten könne, der sich Deputierten und Ministern verant-wortlich fühle, anstatt allein unserem Herrgott im Himmel. Ich habe ihmauch gesagt, daß ich nicht mit mir spaßen ließe. Wer im Falle eines euro-päischen Krieges nicht für mich sei, der sei gegen mich. Als Soldat gehörteich der Schule Friedrichs des Großen an, der Schule Napoleons 1. Wiejener den Siebenjährigen Krieg mit der Invasion von Sachsen begonnenhabe und dieser stets blitzschnell seinen Gegnern zuvorgekommen wäre, sowürde ich, sofern Belgien nicht mit mir gehe, mich nur von strategischenErwägungen leiten lassen." Es entstand eine lange Pause.Ich hoffte",meinte endlich der Kaiser sichtlich verstimmt,bei Ihnen Verständnis undLob zu finden, allein leider scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Das istmir die herbste Enttäuschung an diesem Tag." Ich legte darauf in ruhiger,möglichst präziser Form Seiner Majestät den Standpunkt pobtischer Ver-nunft dar. Mein Streben wäre auf die Aufrechterhaltung des Friedens