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DELCASSfi
Eduard VII. beständig in den Ohren lag, er möge ihm erlauben, bevor eszu spät würde, die deutsche Flotte zu „kopenhagenen", das heißt ohneKriegsansage zu überfallen und zu vernichten, England nur gegen unsvorgehen würde, wenn und nachdem wir mit Rußland in Krieg geratenwären. Schon darum mußten wir, der Bismarckschen Mahnungen undWarnungen eingedenk, mit Rußland Frieden halten. Das erschien möglich,wenn wir Rußland nicht an den Dardanellen entgegentraten und in unserenöstlichen Provinzen der großpolnischen Propaganda keine Zugeständnissemachten. Wir durften natürlich Oesterreich nicht zertrümmern lassen. Wirdurften aber die antirussischen Tendenzen und Pläne aufgeregter öster-reichischer Generäle und traditionell unfähiger Wiener Diplomaten wie derallzu hitzigen Magyaren nicht bis an die Grenze heranlassen, wo der Kriegzwischen Oesterreich und dem slawischen und orthodoxen Rußland unver-meidlich wurde.
Bedenklich war auf dem europäischen Schachbrett eine Figur, und daswar der französische Minister des Äußern, Delcasse. König Eduard warnicht der Mann, uns plötzlich zu überfallen, wie manche Jingoes mit undohne Marineuniform dies wollten. Auf meinen Neujahrsglückwunsch hatteer mir erwidert: „The Queen and I thank you for your good wishes and trustthat the new year may bring peace and prosperity to the world at large.Eduard R." Eine andere Frage war, ob der König ein französisches Vor-gehen gegen uns nicht ganz gern sehen würde. Delcasse manövrierte nachdem berüchtigten Wort, das vor Olmütz dem Fürsten Felix Schwarzen-berg in den Mund gelegt wurde: „II faut avilir la Prusse et puis la demolir."Delcasse wollte zunächst einmal unserem Ansehen in der Welt einen tüch-tigen Stoß versetzen, das Weitere werde sich dann schon finden. Daß Ruß-land momentan mit dem japanischen Krieg beschäftigt war, störte Delcassenicht. Er hatte, wie damals die ganze Welt, eine ungeheure Meinung vonden unbegrenzten Machtmitteln des unermeßlichen russischen Reichs mitseinen 130 Millionen Einwohnern. Er glaubte auch, daß sich im Falle einesdeutsch-französischen Krieges der Friede zwischen Rußland und Japan unter englischer Ägide rasch herstellen lassen würde. Bismarck pflegtezu sagen, daß er, im Gegensatz zu dem bekannten englischen Spruch:„Measures not men", der Ansicht wäre, es käme mehr auf die Männer an,die eine Maßregel durchzuführen hätten, als auf die Maßnahme selbst.Er hat auch das von ihm in das Goldene Buch des Germanischen Museumszu Nürnberg eingetragene tiefe Wort: „Unrla fert nec regitur" selbstdahin definiert, daß Gang und Stärke der Welle von der Vorsehungbestimmt würden, daß aber die Fähigkeit, sich von der Welle tragen zulassen, von Kraft und Geschick des Schwimmers abhinge. LängeresZuwarten gegenüber den bösen Absichten wie den Intrigen des franzö-