DER MONARCHISCHE REITER
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siechen Ministers des Äußern erschien bedenklich, seine Beseitigung ohneKrieg erstrebenswert.
Im Mittelpunkt meiner inner- und außenpolitischen Sorgen stand nachwie vor die Persönlichkeit des Kaisers. Bismarck hatte mit vollem Bewußt-sein den König zum Träger des preußischen und damit des deutschen Staatswesens gemacht. Nach seinem Rücktritt hat Bismarck mehr alseinmal geäußert, er habe dem monarchischen Reiter wieder in den Sattelgeholfen, aber zu sehr. „Troppo mi ha aiutato Sant' Antonio", meint derneapolitanische Schiffer, wenn der heilige Antonius, den er um Wind ge-beten hat, ihm einen Sturm schickt. Schon lange vor dem Schicksals- undUnheilsjahr 1890 hatte mein Vater, ein kirchlich gläubiger, politisch kon-servativer und ganz monarchisch gerichteter Mann, dem Fürsten Bismarck mehr als einmal gesagt, er habe das Schwergewicht des Staatswesens, Wohlund Wehe des Reichs zu sehr mit der Person des Monarchen verknüpft.Bismarck hat sich über diesen Punkt meinem Vater gegenüber, der einerder wenigen war, von denen er Ratschläge annahm, offen ausgesprochen.Er erwiderte meinem Vater auf dessen Bemerkung, für das Staatsganzewie für des Fürsten eigene Stellung würde es nützlich sein, der Volksver-tretung einen größeren Einfluß einzuräumen, statt sich ganz auf den Throneinzustellen: ,,An und für sich haben Sie wohl recht, aber niemand kannüber seinen Schatten springen. Ich bin nun einmal in erster Linie Royalist,alles andere kommt hinterher. Ich schimpfe auf den König, ich kann mirauch denken, daß man als Junker gegen den König rebelliert, ich nehmeden König in meiner Weise, ich beeinflusse, ich ,behandle', ich leite ihn,aber er ist mir der Mittelpunkt meines Denkens und Handelns, der Punktdes Archimedes, von dem aus ich die Welt bewege." Wie nun einmalBismarck das Deutsche Reich erbaut und eingerichtet hatte, war für dieäußere wie für die innere Politik die Individualität des Königs von Preußen und Deutschen Kaisers von der allerentscheidendsten Bedeutung. Darüberwar sich Bismarck selbst nie im Zweifel. Nach dem Nobiling-Attentat 1878sagte er in meiner Gegenwart zu seinem Sohn Herbert, der trübe Betrach-tungen über die Zukunft angestellt hatte: „Um das deutsche Volk ist mirnicht bange, der Klumpen ist zu groß, als daß er ganz zerrieben werdenkönnte. Die einzelnen Teile werden sich wohl immer wieder in irgendeinerWeise zusammenfinden. Aber die Hohenzollern könnten allerdings kopf-über gehen, wenn sie die Eigenschaften verlieren sollten, die unser alterHerr besitzt, den nüchternen, hausbackenen Menschenverstand, die aufein ruhiges und gutes Nervensystem fundierte Courage, die Bescheidenheit."
Gerade diese Qualitäten mangelten zu seinem und unserem Unglückdem im übrigen so reich, so glänzend begabten Wilhelm II. Von ihm nochmehr als von seiner Mutter galt das Wort, das über diese einmal einer der