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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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LANGE NICHT SO INDISKRET..." 89

las, und sagte zu mir:Ich kann mir denken, daß Sie diese Auffassung be-wundern. Ich selbst denke aber doch nicht ganz so." Nach einer kleinenPause fügte er hinzu:Ich halte es mit Kaiser Maximilian I. Der mußteauf einer Gemsjagd in einer kleinen Jagdhütte übernachten. Während erschlief, schrieben einige Herren seines Gefolges, so ein paar freche Junker,mit Kreide an die Wand: ,Maximilian! Maximikan! Du bist nur ein Mannwie ein anderer Mann.' Kaiser Maximikan schrieb mit derselben Kreidedarunter: ,Wohl bin ich ein Mann wie ein anderer Mann, nur daß mir Gotthat Ehre angetan.' Da hatten die Junker ihr Fett weg." Von dem KaiserMaximilian sagt Gregorovius in seiner klassischen Geschichte der Stadt Romim Mittelalter, daß sein Geist nicht tief, aber aufgeregt und phantasievollgewesen wäre.

Mein persönliches Verhältnis zum Kaiser blieb trotz gelegentlicherFriktionen noch gut. Doch mag ich ihm schon damals hier und da un-bequem geworden sein. Dies trat charakteristisch bei nachstehendem Vor-fall zutage. Als ich ihm vor einer Begegnung mit dem König Georgios vonGriechenland, der als dänischer Prinz und weil vom Kaiser damals nichtimmer freundlich behandelt, auch infolge des alten Gegensatzes zwischenden Häusern Glücksburg und Augustenburg den Kaiser persönlich nichtmochte, andererseits aber als Bruder der Königin Alexandra von Englandund der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland manche Möglich-keit besaß, uns zu schaden, Vorsicht in seinen politischen Äußerungen an-empfahl, telegraphierte mir der Kaiser:Ich finde es zum mindestenentwürdigend, daß Eure Exzellenz Mich für eine solche klatschsüchtigealte Kafleeschwester halten. Ich bin lange nicht so indiskret wie Ihre Büro-und Auswärtigen-Amts-Räte!"

Als ich hierauf die Antwort nicht schuldig blieb, telegraphierte mirSeine Majestät von der Burg Hohenzollern , die er gern von Zeit zuZeit aufsuchte:Sende Ihnen von der Stammfeste meines Hauses, dieich eben besuche, herzbchste Grüße. Ein großartiger Rundblick wirduns bei herrlichstem Wetter gewährt und erhebt den Geist dankerfülltzu den blauen Fernen empor, aus denen Gott dieses Schloß und seinGeschlecht so herrlich gesegnet, nicht zum mindesten mit so treuenDienern, wie Sie einer sind." Man konnte Wilhelm II. nicht lange böse sein.Ruhige Überlegung führte mich zu dem Entschluß, in der inneren Politikzunächst die zur parlamentarischen Beratung stehenden Gesetzesvorlagendurchzuführen. In Voltaires unsterblichemCandide " antwortet der Helddes Romans seinem Lehrer Pangloss auf dessen metaphysische Betrach-tungen:Cela est bien dit, mais il faut cultiver votre j ardin." Und derFreund beider, der alte Philosoph Martin, meint:Travailler sans raisonner,c'est le seul moyen de rendre la vie supportable."