Druckschrift 
2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

VI. KAPITEL

Bülows Verhältnis zu Wilhelm IL: Bülow hat das Gefühl, Seiner Majestät allmählichunbequem zu werden Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet Die Bergarbeiternovelle-Debatte im Preußischen Abgeordnetenhaus Die neuen Handelsverträge im Reichstag (1. II. 1905) Zustimmende Briefe und Erklärungen Die Annahme der Kanalvorlage(25. II. 1905) Minister von Budde Verhältnis Wilhelms II. zu den Parteien Briefedes Grafen Monts über Zentrum und Katholizismus Mission des Freiherrn von Hert-ling nach Rom Rücktritt des Oberpräsidenten von Schlesien, Fürsten Hatzfeldt-Trachenberg Dr. Michaelis, der spätere Reichskanzler, wird für die Stellung einesOberpräsidialrats in Breslau zu unbedeutend befunden Die Marokko -Frage, Stellung-nahme W ilhelms II.

Büloivs zumKaiser

Auf dem Gebiet der inneren Politik fehlte es so wenig an kaiserlichenEntgleisungen wie hinsichtlich der diplomatischen Behandlung unsererBeziehungen N ac hbarn, nur waren sie weniger gefährlich. Das in der auswärtigen Politikzerschlagene Porzellan war kostbarer, als was im Innern zu Schaden kam.Ich habe bis zu meinem Rücktritt an der Uberzeugung festgehalten, daßes zu einer Revolution nur nach einem unglücklichen Krieg kommen würde.Zu wünschen war allerdings, daß Wilhelm II. nicht durch ungeschickteautokratische Allüren die intellektuellen Kreise zu sehr vor den Kopfstieß. Dabei war Wilhelm II. im Grunde und in Wirklichkeit in keiner Weiseein Monarch ä la Friedrich Wilhelm I. oder Nikolaus I. Er gab sich nur denAnschein eines Autokraten, ohne es zu sein. Er hat nie ernstlich daran ge-dacht, die Verfassung aufzuheben. Es fehlte ihm zum wirklichen Autokratendie Festigkeit, die Härte, die geistige Energie, die Stetigkeit. Seine Auf-fassung des Herrscherberufs ist mir nie deutlicher entgegengetreten als beieinem kurzen Gespräch, das ich einmal im Neuen Palais mit ihm hatte.Ich war mit meiner Frau und meiner Schwiegermutter zur Mittagstafeleingeladen. Nach Tisch zeigte uns der Kaiser in liebenswürdiger Weise dievon Friedrich dem Großen bewohnten Zimmer. Auf einem Tisch lag untereiner Glasplatte ein Faksimile des Testaments des großen Königs, das,an seinen Neffen und Nachfolger gerichtet, in französischer Sprache un-gefähr mit den Worten anhebt: Der Zufall der Geburt habe den künftigenFriedrich WUhelm II. zum Erben der Krone bestimmt. Nur durch Tüchtig-keit, Gewissenhaftigkeit und ernste Arbeit könne er beweisen, daß er dieseStelle verdiene. Wilhelm II. trat auf mich zu, als ich diese herrlichen Worte