DER LANGE MÖLLER
91
gleichmäßig und gereckt zur Anwendung gebracht würden. Sie müßtensich aber auch nach Kräften bemühen, im Interesse des sozialen Friedens,des Gedeihens der Industrie und des Schutzes der Arbeiter eine Einigungzwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herbeizuführen. Ich fordertedie Arbeitnehmer auf, sich von Ausschreitungen fern und streng im Rahmender Gesetze zu halten. Ich richtete an die Arbeitgeber die Mahnung,gegenüber den Wünschen und Beschwerden der Arbeitnehmer Verständnisund Entgegenkommen zu zeigen. Deshalb schlösse ich mich von ganzemHerzen der Hoffnung an, die, bevor ick das Wort ergriff, der Zentrums-abgeordnete Herold ausgesprochen katte: daß auf beiden Seiten die be-sonnene Überlegung die Oberkand bekalten möge! Inzwiscken katte ickim preußiscken Staatsministerium nickt okne Sckwierigkeit einen Gesetz-entwurf durckgesetzt, der unter Abänderung des Berggesetzes hinsichtlichdes Arbeiterschutzes die Interessen der Bergarbeiter gegen die Folgen deswillkürlichen Stillegens der Zechen von Seiten der Besitzer sicherstellte. Ichhielt es für meine Pflicht, die Bergarbeiternovelle im Abgeordnetenhausselbst zu vertreten. Es kam dazu, daß der Handelsminister Möller vonseiner eigenen Partei, den Nationalliberalen, so sckarf befekdet wurde, daßick für ikn einspringen mußte.
Der Handelsminister Möller war vor seiner Ernennung ein allgemein ge-acktetes und besonders behebtes Mitglied des Reickstags gewesen. Ick katte Möller undihn dem Kaiser als Handelsminister vorgescklagen, nickt nur, weil er dieser die National-Stellung sacklick gewacksen war, sondern auck, um einen Anfang mit derBerufung von Parlamentariern in das Staatsministerium zu macken. Erwar kaum ernannt, als gerade von parlamentariscker Seite seine Ernennunggetadelt und er selber angegriffen wurde. Eugen Rickter erregte Stürme vonHeiterkeit, als er bei der Etatsdebatte seine Betracktungen über den Etatdes Handelsriiinisteriums mit den Worten begann: „Es wird immer döller,da kommt der lange Möller." Minister Möller war ein kockgewacksener,stattkcker Mann. Am giftigsten befekdete ikn seine eigene Partei. Als ickikn einmal frug, worauf dies zurückzuf ükren wäre, meinte er mit dem Gleich -mut und dem Humor, die diesen eckten Westfalen nie verließen: „Das istsekr einfack! In meiner Fraktion sind mindestens drei, die selbst gernMinister geworden wären." Die Hauptsckwierigkeiten kamen ikm von demnationalliberalen Abgeordneten Heyl. Herr Cornekus Heyl war ein reickerLederkändler aus Worms. Er katte das bei Worms gelegene, altberükmteGut Herrnskeim gekauft, das einst das Stammgut der kistoriscken FamdieDalberg war, die als Erbkämmerer des Hocbstifts Worms dem alten Reickmehrere Erzbiscköfe und Kurfürsten gesckenkt katte. Bei jeder Krönungmußte der Reickskerold rufen: „Ist kein Dalberg da?" War einer da, soerkielt dieser den ersten Ritterschlag vom neuen römischen Kaiser deutscher
liberalen