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RITTER VOM LEDER
Nation. Karl Dalberg war der letzte Kurfürst von Mainz und Erzkanzlerdes alten Reichs, dann Großherzog von Frankfurt. Wolfgang Dalberg wurde die Zierde seines Geschlechts, indem er als Intendant des Mann-heimer Nationaltheaters Schillers erste Dramen aufführen ließ. EmmerichDalberg schloß sich erst Napoleon , nach dessen Sturz den Bourbonen anund wurde französischer Duc. Er war der letzte Dalberg der Herrnsheimer Linie. Seine einzige Tochter heiratete den englischen Lord Acton , einenOnkel meiner Frau. Herrnsheim wurde an den reichen Cornelius Heyl ver-kauft. Der ließ sich vom Großherzog von Hessen baronisieren und gleich-zeitig ein prächtiges Buch schreiben, in dem Schloß Herrnsheim und dieFamilie Dalberg verherrlicht wurden. Seitdem hielt sich Cornelius Heyl durch eine Art von Autosuggestion für einen Dalberg. In einer parlamenta-rischen Diskussion mit ihm ließ sich Eugen Richter einmal zu der bos-haften Äußerung hinreißen: Es gäbe Ritter vom Schwert, diesen könne erseine Achtung nicht versagen. Es gäbe auch Ritter von der Feder, die ergleichfalls hochstelle. Aber für die Ritter vom Leder habe er nichts übrig.
Im Gegensatz zu dem Freiherrn von Heyl machte mir der sozialdemo-kratische Vertreter von Bochum-Gelsenkirchen, Otto Hue , einen sehrsympathischen Eindruck. Sohn eines Hüttenarbeiters, erst Schlosser,dann Bergarbeiter, hatte er sich auf den Reisen, die er als Handwerks-bursche mit offenem Blick unternommen hatte, eine ungewöhnliche Kennt-nis der Arbeiter- und insbesondere der Bergarbeiter-Verhältnisse nicht nurin Deutschland, sondern auch in Belgien, Frankreich und England ange-eignet. Er blieb auch in der Debatte immer sachlich und besonnen. Manbrauchte bloß in sein ehrliches Gesicht zu sehen, um zu wissen, daß er einkreuzbraver Mann war. Bei den Verhandlungen in Spa (1920), bei denender redliche, aber spießbürgerlich wirkende Kanzler Fehrenbach durch dieRührseligkeit seiner Reden mehr als einmal den leisen Spott der Entente-Staatsmänner erregte, äußerte Lloyd George , daß Hue ihm von den deut-schen Vertretern weitaus den besten Eindruck gemacht habe.
Bebel behandelte 1905 den Streik und die Streiklage lediglich vom Stand-Novelle zum punkt der Agitation. Natürlich goß er alle Schalen seines Zorns über michBerggesetz auS) d em er Verständnislosigkeit für die Nöte und Wünsche der Arbeiterund Unterwürfigkeit gegenüber den Arbeitgebern vorwarf, die ihrerseitsmich feindsebger Gesinnung gegen sie selbst und des Kokettierens mit derSozialdemokratie beschuldigten. So konnte ich wieder einmal mit demApostel Paulus sagen: „Judaeis scandalum, Graecis stultitia." Ich tröstetemich damit, daß mir der französische Botschafter nach Beendigung desStreiks sagte, ein wochenlanger Ausstand von 200000 Bergarbeitern ohneeinen einzigen Krawall, ohne daß ein einziger Schuß gefallen wäre, sei für diesichere Fundierung der deutschen Verhältnisse und für die verständige Art,