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2 (1930) Von der Marokkokrise bis zum Abschied
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DIE HUNDEBANDE VOM ZENTRUM'

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und sehr vieles von der Ausführung und Handhabung abhängt, wiederVertrauen fassen kann. Sehr wohl hat mir und vielen auch die gerechteWürdigung getan, welche Eure Exzellenz in der Rede bei dem Festessendes Deutschen Landwirtschaftsrates der Haltung der Parteien in der Kanal-frage, unter denen diejenige der konservativen Partei besondere Schwierig-keiten bot, haben zuteil werden lassen. Das Meisterstück in der temporärenmaßgebenden Erledigung der beiden Vorlagen wird Eurer Exzellenz wohlso bald niemand nachmachen."

Mein Verhältnis zu den bürgerlichen Parteien war im großen und ganzenbefriedigend. Keine der bürgerlichen Parteien war ganz zufrieden mit mir, Derund das war ein gutes Zeichen. Denn in einem Lande, wo leider der Partei-

Zern

geist so sehr den Staatssinn und die Rücksicht auf staatliche Interessenüberwiegt wie in Deutschland , ist es immer bedenklich, wenn eine Parteian einem Minister gar nichts mehr auszusetzen findet.Get you home youfragments!" ruft in denGedanken und Erinnerungen " mit ShakespearesCoriolan Fürst Bismarck den von ihm so tief verachteten Fraktionen zu.Wenn der Kampf gegen die Selbstsucht der Parteien mir als die Pflichteines gewissenhaften Ministers erschien, so war ich immer bestrebt, denKaiser aus dem Parteigetriebe herauszuhalten und ihn von jedem Angriffund auch von zu vielem Räsonieren auf die einzelnen Parteien abzuhalten.Die Krone mußte nach meiner Auffassung über den Parteien stehen, sichweder für noch gegen sie engagieren. Das war vom Kaiser nicht immer leichtzu erreichen. Am meisten ärgerte sich Wilhelm II. über jede Opposition derKonservativen, die ihm ebenso verwerflich erschien, als wenn das ersteGarderegiment rebellieren wollte. Seine besondere Abneigung galt demZentrum. Anläßlich einer belanglosen Debatte im Münchener Landtagüber eine untergeordnete Heeresfrage telegraphierte der Kaiser, wahr-scheinlich noch erregt durch die von mir kurz vorher durchgesetzte Auf-hebung des Artikels 2 des Jesuitengesetzes, mir en clair:Die Hundebandevom Zentrum ist bestrebt, die Fundamente der Disziplin des Heeres unddamit der Hohenzollernmonarchie zu unterwühlen." Es handelte sich umeinen ziemlich belanglosen Konflikt zwischen dem bayrischen Kriegs-minister Asch und dem bayrischen Abgeordneten Pichler wegen eines Ein-jährig-Freiwilligen, der bestraft worden war, weil er unter Abweichungvom Dienstweg eine Beschwerde eingereicht hatte.

Wilhelm n. dachte in allen konfessionellen Fragen groß und gerecht.Jede Abneigung gegen die katholische Kirche und die Katholiken lag ihmebenso fern wie aller Antisemitismus. Aber wie er an seine Schwester Sophie,die damalige Kronprinzessin von Griechenland , als sie zur orthodoxenKirche übertrat, ein Schreiben richtete, durch das er siefür alle Zeiten"aus seinen Landenverbannte", so geriet er auch in ganz großen Zorn, als

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